• vom 27.09.2016, 16:16 Uhr

Klassik/Oper

Update: 27.09.2016, 16:23 Uhr

Opernkritik

Tristan, der Hasenjäger




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Von Reinhard Kriechbaum

  • Die Oper Graz beginnt die Saison mit Richard Wagners "Tristan und Isolde".

Schöner leiden: Zoltán Nyári (Tristan) und die vokal überragende Gun-Brit Barkmin (Isolde). - © Kmetitsch

Schöner leiden: Zoltán Nyári (Tristan) und die vokal überragende Gun-Brit Barkmin (Isolde). © Kmetitsch

Sie haben ein noch unbebautes Grundstück am Meer? Wir wüssten eine geeignete Architektin. Susanne Gschwender täte sich dafür empfehlen. Ob man in ihrem stylischen Haus für anspruchsvolle Yuppies aber Wagners "Tristan" spielen sollte, ist eher fraglich.

Die blutjunge Verena Stoiber, Trägerin des Grazer "RingAwards 2014", versucht es jedenfalls in der Grazer Oper. Für das Vorspiel und den ersten Akt ist ihr schon etwas eingefallen, was einigermaßen zum Bühnenbild (weniger zur wirklichen Handlung) passt: Wir sehen Menschen, die an ihrer unbewältigten Vergangenheit kauen. Isolde scheint ein Kind in den Armen zu wiegen, aber es ist, wie sich zeigt, nichts als ein leeres Stoffbündel. Tristan hockt an der Hausbar, und er verdreht angewidert die Augen: Wie oft hat er sich Isoldes Vorhaltungen wegen seiner Sendbotentätigkeit als Hochzeitslader für König Marke schon anhören müssen, immer dieselbe Leier!

Information

Oper
Tristan und Isolde
Aufführungen bis 25. November
Oper Graz (0316/8000)

Etliche Ungereimtheiten

Sophie Stoiber erzählt eine psychologisch durchdachte Geschichte, allein das Villenambiente taugt dann nicht dafür. Klug ist es, Tristan und Isolde die ganze Oper hindurch einander nicht nahe kommen zu lassen. Beide sind mit ihrer eigenen Seele hinlänglich beschäftigt. Dass Tristan während des Liebesduetts sich dranmacht, einem erlegten Hasen das Fell abzuziehen, ist aber schon recht dick aufgetragen. Auch die viele Erde und die vom Himmel hängenden Bäume nehmen sich als Metaphern im schicken Haus unfreiwillig komisch aus. Nicht von Melot bekommt Tristan seine Verwundung, nachdem Marke mit seinem unerwarteten Auftritt den Hasenbraten versalzen hat. Das gute Tier schmorte schon am Lagerfeuer im Wohnzimmer. Tristan sticht sich selbst die Augen aus. Im dritten Akt - auch der in der coolen Villa angesiedelt - sehnt sich der blinde Tristan, in Unehren ergraut, nach Isolde, die sich altersmäßig beneidenswert jung gehalten hat. Man bekäme in der Inszenierung von Verena Stoiber eine ansehnlich lange Liste von Ungereimtheiten zusammen. In zwanzig Jahren wird die Jungregisseurin wohl wirklich "Tristan"-
tauglich sein. Jetzt ist sie verheizt worden an einer für sie noch deutlich überdimensionierten Herausforderung.

Musikalisch hat der neue Grazer "Tristan" einen absoluten Mittelpunkt: die norddeutsche Sopranistin Gun-Brit Barkmin. Eine Isolde, deren Stimme auf einer beachtlich sonoren Basis sitzt, die sich der Rolle auch an exponiertesten Stellen mit der Präzision einer Liedsängerin nähert, überlegt phrasierend und ultra-präzis in der Artikulation. Man versteht jedes Wort.

Grobes aus dem Graben

An dieser herausragenden Qualität wächst in der Grazer Aufführung Dshamilja Kaiser als Brangäne. Ihr Nachtgesang verströmt Ruhe und begründete sängerische Selbstgewissheit. Zoltán Nyári hat für den Tristan überreich Metall anzubieten, und das braucht er auch, weil Dirk Kaftan am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters lautstärkemäßig gern aus dem Vollen schöpft. Auch wenn die Fangemeinde des Dirigenten am Premierenabend ähnlich viel Power hören ließ wie das Orchester - Wagner ist nicht Dirk Kaftans Stärke. Das kammermusikalisch Gemeinte kommt holzschnitthaft und das Forte so üppig, dass die Sänger schauen müssen, wo sie bleiben. Markus Butter als Kurwenal war deswegen oft aufs Stemmen angewiesen, die Intonation wurde mulmig. Unaufgeregt: Guido Jentjens als Marke.





Schlagwörter

Opernkritik, Oper Graz

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-09-27 16:20:06
Letzte nderung am 2016-09-27 16:23:49



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