• vom 16.11.2016, 16:54 Uhr

Klassik/Oper

Update: 17.11.2016, 11:40 Uhr

Wunderkind

Das kleine Weltwunder




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christoph Irrgeher

  • Ende Dezember wird in Wien eine Oper von Alma Deutscher uraufgeführt - die Komponistin ist elf Jahre alt.

Früh übt sich: In manch einer Klavierschülerin steckt Talent, in einigen wenigen sogar ein Wunderkind. - © Scheichl

Früh übt sich: In manch einer Klavierschülerin steckt Talent, in einigen wenigen sogar ein Wunderkind. © Scheichl



Elfjährige Opernkomponistin: Alma Deutscher.

Elfjährige Opernkomponistin: Alma Deutscher.© Alex Nightingale Elfjährige Opernkomponistin: Alma Deutscher.© Alex Nightingale

Wunderkinder? Gibt es nicht. Jedenfalls nicht, wenn man David Garrett glaubt. Der galt zwar selbst als kleines Mirakel. Als 13-Jähriger hat er an der Seite von Stardirigenten wie Claudio Abbado gefiedelt. Dennoch, sagte Garrett im "Kurier": "Es gibt keine Wunderkinder, es gibt nur hochtalentierte Menschen." Das "Wunderkind" sei ein Klischee, dazu dienlich, das Gewissen von Menschen zu erleichtern, die junge Musiker anstaunen. "Doch die meisten wissen, dass hinter dem Erfolg ein Elternteil steht, der sehr stark drückt." Wie bei Garrett der Vater: "Ich hatte keine Kindheit und keine Freunde. Mein Vater hat jeden Tag stundenlang mit mir gearbeitet, und das auch auf unangenehme Art, verbal wie physisch."

Aber gibt es nicht auch andere Fälle? Wohl schon. Fälle wie die deutsche Geigerin Anne-Sophie Mutter, heute 53. Auch ihre Kindheit war arbeitsreich. Bereut hat sie das in späteren Interviews aber nie, die Zielstrebigkeit schien ihr im Blut zu liegen: Schon bei frühen TV-Aufnahmen standen ihr Ernst und Ehrgeiz ins noch pausbäckige Gesicht geschrieben.

Junges Talent als Zugpferd

Und dann gibt es noch Fälle wie Alma Deutscher. Die junge Engländerin wirkt so lebhaft und heiter, wie man sich das von einer Elfjährigen erwartet. Ihre Fähigkeiten aber machen sie zum Einzelfall: Deutscher musiziert, und nicht etwa bei Klassenabenden für dankbare Muttis. Alma begann schon als Zweijährige mit dem Klavierspiel, ein Jahr später mit der Geige. Mit sechs schrieb sie eine erste Klaviersonate, mit sieben die Kurzoper "Der Traumfeger". Als Neunjährige schuf Alma dann ihr erstes Violinkonzert, das sie mit Orchester spielte, jüngst vollendete sie eine größere Oper. "Cinderella" heißt sie und erzählt das gleichnamige Märchen. In einer kleinen Fassung war diese Oper schon in Israel, dem Herkunftsland des Vaters, zu hören. Nun hat Alma den Orchesterpart erweitert und ein paar Szenen hinzugefügt. Uraufgeführt wird die Fassung am 29. Dezember im Wiener Casino Baumgarten. Der Veranstalter ist die freie Künstlergruppe "Oh!pera". Leiterin Cathrin Chytil will "den Nachwuchs unterstützen", wie sie sagt. Tatsächlich verhält es sich eher umgekehrt: Das Wunderkind Deutscher beschert "Oh!pera" ein bisher unbekanntes Medieninteresse. Ende Oktober fand eine öffentliche Klavierprobe von "Cinderella" statt, etliche Journalisten strömten herbei.

Als Alma den Kellersaal im Wiener Musikverein betrat, hatte dann auch noch ein TV-Team Aufstellung bezogen. Die Elfjährige begrüßt die Gäste in Oxford-Englisch; sie kichert und rudert überdreht mit den Armen. Ist sie nervös - oder dieses Verhalten bereits Routine? Alma steht nicht zum ersten Mal im Rampenlicht, ist in Konzertsälen genauso aufgetreten wie in der US-Talkshow von Ellen DeGeneres, hat bereits Klassiklegenden wie Murray Perahia und Zubin Mehta kennengelernt und den Physik-Star Stephen Hawking.

In Wien trägt Alma ein Kleid mit bunten Blüten, ihr brünettes, langes Haar ist von einem Reifen umfasst. Ihre "Cinderella", erklärt sie und grinst smart, entspreche nicht ganz dem gängigen Märchen. Die Geschichte spielt bei ihr in der Musikwelt: Die böse Stiefmutter ist Direktorin eines Opernhauses, die beiden Stiefschwestern sind aufgeblasene, aber unfähige Primadonnen. Und Aschenputtel? Ist Komponistin. Die Stiefmutter zwingt sie, Noten zu kopieren. Aber auch hier wird ein Prinz kommen. Schöne Idee für das Ende: Der edle Retter sucht nicht nach einem passenden Fuß für einen Schuh, sondern nach einer betörenden Melodie, die Aschenputtel geschrieben hat.

"Will kein zweiter Mozart sein"

Tatsächlich hat Almas Musik Reiz: Ein kindlicher Zauber geht von ihren Melodien aus, die aus der Sphäre von Tschaikowski oder Offenbach zu stammen scheinen. Natürlich sind sie einfacher gestrickt, der Tonfall ist aber stets klassisch. Dabei schreibt Alma auch kompliziertere Stücke. Ein Duett etwa, in dem zwei gegensätzliche Melodien gleichzeitig erklingen - das imponiert durchaus. Bei der Probe sitzt Alma dann auch selbst am Klavier; sie gibt den - erwachsenen - Sängern Einsätze. "Das war gut, denke ich", sagt sie einmal mit ihrem Kinderlächeln. Ein anderes Mal tadelt sie: "Da steht keine Fermate, bitte machen wir das noch einmal." Die Journalisten schmunzeln - gerührt, aber auch ehrfürchtig.

Und danach haben sie natürlich viele Fragen. Am Anfang der Oper singt die Komponisten-Cinderella über ihre Arbeit: "So viele Noten, so viele Müh!" Wie stark gilt das auch für die junge Britin? Wie viel Kind darf sie eigentlich noch sein? "Ich mache täglich fünf, sechs Stunden Musik", sagt Alma. Ja, die Arbeit als Musikerin sei manchmal hart. Trotzdem habe sie Freunde und Zeit zum Spielen. Vor allem aber, und das sagt sie nicht zum ersten Mal: Niemand zwinge sie.

Gleichwohl braucht jedes Wunderkind einen erwachsenen Unterstützer. In Almas Fall ist das vor allem der Vater, der Linguist Guy Deutscher. Bei der Probe sitzt er in der ersten Reihe, hütet Almas glitzerndes Springseil: Es inspiriert die Jungkomponistin angeblich zu Melodien. Der elegante Herr hilft für gewöhnlich, Noten in den Computer zu übertragen, plant Konzertreisen und Erholungszeiten. Psychologen, die Alma durchleuchten wollen, wimmelt er ab, las man zuletzt in der "Zeit". Die Eltern wollen Alma fördern, seien aber hellhörig für ihre Wünsche. Eigentlich wollten sie ihr Kind auf die Yehudi-Menuhin-Schule für Hochbegabte schicken, befanden dann aber, dass das Ganztagesprogramm zu einengend wäre. Schließlich durfte Alma (auf eigenen Wunsch) zuhause bleiben und bekam Privatunterricht; das englische Gesetz erlaubt das. Heute wird die Elfjährige nur von Musikern unterrichtet, etwa dem Komponisten Jörg Widmann. Der, verrät Alma, gibt ihr auch Tipps für ihre Oper. Was sagt sie, das brennt den Wiener Journalisten natürlich unter den Nägeln, zu Vergleichen mit dem jungen Mozart? Alma lächelt, geht aber auf Distanz: "Ich will kein zweiter Mozart sein, sondern eine kleine Alma."



weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Wunderkind, Oper

1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-11-16 16:59:12
Letzte ─nderung am 2016-11-17 11:40:08



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der König mit der groben Klinge
  2. Kunstvolles Scheitern
  3. Alle Ehre dem Wortwitz
  4. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  5. Auf der dunklen Seite der Welt
Meistkommentiert
  1. Allahs religiöser Supermarkt
  2. Der König mit der groben Klinge
  3. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  4. Das Zeitalter der Einfälle
  5. "Abscheu vor dem Islam"

Werbung




Zu Gast bei der äthiopischen Nacht: Der Circus Debre Berhan aus Äthiopien.

Der kanadische Sänger Leonard Cohen posiert auf einer Schienenschwelle, aufgenommen am 25.04.1976 anlässlich eines Konzertes in Frankfurt am Main. Vanitas-Köpfe (Memento Mori), 1. Hälfte 17. Jahrhundert, Elfenbein, 
Kunsthistorisches Museum, Kunstkammer.

Dieses Papier sorgt derzeit für Diskussionen in Hollywood: Angelina Jolie hat "aufgrund unüberbrückbarer Differenzen" die Scheidung von Brad Pitt eingereicht.