• vom 10.02.2017, 16:22 Uhr

Klassik/Oper


Nachruf

Sieben Sprachen und eine Weltkarriere




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Edwin Baumgartner

  • Der schwedische Tenor Nicolai Gedda ist gestorben - lange Jahre war er eine beherrschende Gestalt der internationalen Opernbühnen.


© apa/Harald Schneider © apa/Harald Schneider

Tolochenaz. Er beherrschte mehr Sprachen als alle anderen Startenöre seiner Zeit, spielte mehr Schallplatten ein als sie (sieht man von Plácido Domingo ab) und war in mehr Fächern beheimatet als die meisten von ihnen. Am seltsamsten war sein Tod: Kein großer letzter Auftritt, wie ihn viele Künstler ihrer Nachwelt abtrotzen, und dennoch ist es ein bemerkenswerter Abgang. Gerüchteweise hieß es vor einiger Zeit, Nicolai Gedda sei gestorben; dann kam das Dementi; dann wieder Gerüchte, die im Sand verliefen. Jetzt ist es traurige Gewissheit: Nicolai Gedda ist am 8. Jänner in seinem Haus nahe Lausanne im Alter von 91 Jahren an einem Herzstillstand gestorben. Auf seinen eigenen Wunsch wurde sein Tod erst einen Monat später bekanntgegeben.

Nicolai Gedda war durch seine Herkunft der internationalste Startenor seiner Zeit und wohl auch der polyglotteste. Das eine hatte wohl mit dem anderen zu tun. Denn der Tenor wurde am 11. Juli 1925 in Stockholm als Harry Gustaf Nikolai Gädda geboren, Sohn einer schwedischen Mutter und eines halb russischen Vaters. Aufgezogen wurde er zweisprachig von seiner Tante Olga Gädda, sein Stiefvater war Michail Ustinov, Kantor an einer russisch-orthodoxen Kirche und ein entfernter Verwandter des Schauspielers und Schriftstellers Peter Ustinov.


Start mit Karajan
1929 bis 1934 lebte Nicolai Gedda mit seiner Familie in Leipzig. Zur schwedischen und russischen Sprache kam nun Deutsch hinzu. Kaum waren die Nationalsozialisten an der Macht, kehrte die Familie nach Schweden zurück. Dort lernte Nicolai Gedda in der Schule Englisch, Französisch und Latein. Nach dem Anschluss brachte er sich im Selbststudium Italienisch bei.

Er arbeitete in einer Bank. Einem Kunden gestand er den Wunsch, singen zu lernen. Dieser empfahl ihn an den Wagner-Tenor Carl Martin Öhman.

Im April 1952 sang Gedda an der Königlichen Schwedischen Oper die Hauptrolle in Adolphe Adams "Postillon von Lonjumeau". Die gefürchtete Arie, die bis zum hohen D steigt, sang er makellos. Bei einem Vorsingen wurde dann Herbert von Karajan auf Gedda aufmerksam. 1953 besetzte ihn Karajan an der Scala für seine "Don Giovanni"-Produktion - und damit startete Geddas internationale Karriere: 1954 in Paris, 1957 an der Met in New York, ab da an allen großen und bedeutenden Opernhäusern der Welt.

Mühelose Höhe
Gedda verfügte über einen schlanken, extrem beweglichen Tenor, der völlig schwerelos wirkte. Hoch liegende Phrasen sang er so mühelos wie ausdrucksstark. Den jugendlichen Schmelz verlor er auch im höheren Alter nicht. Er galt als Idealbesetzung für die abnorm hoch liegenden Tenorrollen des französischen Fachs. Als Mozarts Tamino oder Belmonte, als Verdis Herzog von Mantua oder als Dmitri in Mussorgskis "Boris Godunow" übertraf er alle Interpreten seiner Generation an Stimmbeherrschung und auch an Ausdruck.

Doch Gedda konzentrierte sich keineswegs auf die großen Klassiker: Der US-amerikanische Komponist Samuel Barber komponierte für ihn die Rolle des Anatol in seiner Oper "Vanessa", der Italoamerikaner Gian Carlo Menotti schrieb für ihn die Hauptrolle in "The Last Savage". Für die EMI nahm Gedda zahlreiche Spielopern der Romantik auf und zeigte sich überhaupt entdeckungsfreudig. Er gab Liederabende - und war ein genuiner Interpret der Tenorrollen der silbernen Wiener Operette, die er unverkitscht mit nobelstem Ausdruck sang.

Einen Ausflug ins Wagner-Fach mit "Lohengrin" brach er schnell ab: In Stockholm sang er ihn mit gewaltigem Erfolg, doch in Bayreuth sagte er wegen Überlastung der Stimme ab. Mit dem Dirigenten Rafael Kubelik nahm er Hans Pfitzners "Palestrina" auf - ein Meilenstein der Schallplattengeschichte, vielleicht eine Art Vermächtnis eines Tenors, der auf unvergleichliche Weise Intelligenz, Gefühl und stimmliche Schönheit zu verbinden wusste.




Schlagwörter

Nachruf, Nicolai Gedda

1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-10 16:26:11



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Nur mehr blöde gelbe Gesichter
  2. Wie errichtet man ein Kalifat?
  3. Gleich ist es weg
  4. Aufregung um André Heller
  5. Eine Million Besucher
Meistkommentiert
  1. Nur mehr blöde gelbe Gesichter
  2. Presseförderung für Gratis-Zeitungen
  3. Alle wollen Zweiter sein
  4. "Die Welt ist für Populisten einfach"
  5. "Es gibt nichts Schöneres"

Werbung




Jean-Honoré Fragonard, Das Mädchen mit dem Murmeltier, 1780er Jahre.

Ein Ausnahmeprojekt mit Ausnahmeproblemen: Die Elbphilharmonie, eine "gläserne Welle", die auf drei Seiten von Wasser umgeben ist.  Billy Bob Thornton mit seinem Golden Globe für die Fernsehserie  "Goliath".

Dirigent Gustavo Dudamel und die Wiener Philharmoniker am Sonntag beim Neujahrskonzert 2017. Zu Gast bei der äthiopischen Nacht: Der Circus Debre Berhan aus Äthiopien.


Werbung