• vom 12.03.2017, 09:30 Uhr

Klassik/Oper

Update: 12.03.2017, 11:40 Uhr

Frauen in der Oper

Die Mutterschaft - ein Tabu




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Von Christoph Irrgeher

  • Die Sängerin Alexandra Deshorties über die Herkules-Aufgabe, Kind und Opernkarriere zu vereinbaren.

Verehrt Elizabeth I. - und singt sie im Theater an der Wien: Alexandra Deshorties.

Verehrt Elizabeth I. - und singt sie im Theater an der Wien: Alexandra Deshorties.© Archive of the Artist Verehrt Elizabeth I. - und singt sie im Theater an der Wien: Alexandra Deshorties.© Archive of the Artist

Wien. Tonleiter hinauf, Tonleiter hinunter: Im Nebenraum wärmt sich eine Sängerin auf. Es ist früher Nachmittag im Theater an der Wien, kurz vor Probenbeginn setzt Betriebsamkeit ein. Auch in der Garderobe von Alexandra Deshorties beben volle Klänge. Die Frau mit den jungen Augen und dem schlohweißen Haar singt aber keine Skalen. Sie gibt ein Interview, und sie spricht dabei mit einem kräftigen Ton. Das kann an der Stärke ihres Soprans liegen, mit dem sie ab nächster Woche die Titelrolle in Rossinis "Elisabetta - Regina D’inghilterra" singen wird. Es könnte aber auch dem Thema geschuldet sein. Die 41-Jährige beantwortet eine scheinbar triviale, jedoch heikle Frage: Wie kann man zugleich eine freischaffende Opernsängerin sein - und Mutter?

Kind kommt Künstlerin teuer

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"Elisabetta", ab 17. März im Theater an der Wien. Dirigent: Jean-Christophe Spinosi; Regie: Amélie Niermeyer

"Das ist schwer. Es gibt in diesem Beruf absolut kein Hilfesystem. Manche betrachten eine Elternschaft darum als schwerwiegendes Hindernis. Als ich Mutter wurde, stellte ich fest: Das Thema ist mitunter sogar tabu." Die gebürtige Kanadierin hat trotz Kind international weitergesungen. Mit viel Aufwand. Den Sohn zuhause lassen? Dem widersprach nicht nur ein mütterliches Nähebedürfnis, sondern auch der Beruf des Vaters: Er ist Dirigent und damit selbst oft auf Reisen. Da hieß es planen - und rechnen. "Wenn du ein Rieseneinkommen hast, ist das kein Problem. Sonst aber musst du jeden Groschen zählen. Du brauchst ein Kindermädchen rund um die Uhr, ein Apartment, das Platz für alle bietet. Am Ende kehrst du nach Hause zurück - und hast vielleicht keinen Dollar verdient."

Auch die Zeit ist ein knappes Gut. Urlaub? Die Sängerin, die heute in der Nähe von New York lebt, hatte seit Jahren keinen. "Entweder bin ich Vollzeit-Opernsängerin oder Vollzeit-Mutter. Jede Minute zählt." Mittlerweile geht der fünfjährige Sohn in eine Schule; Deshorties will ihn wegen ihrer Arbeit nicht aus dem Alltag reißen. Das bedeutet momentan eine Trennung für zwei Monate. In der Zeit kann manches passieren. Als der Sohn seine ersten Schritte tat, war der Vater nicht da. "Was du verpasst, bekommst du nicht zurück."

Dabei klagt Deshorties keinen an. "Das war meine Entscheidung. Ich muss die positiven Folgen genauso akzeptieren wie die unangenehmen." Außerdem versteht sie, dass Theater keine Wohlfahrtseinrichtungen sind. "Die Künste haben es nicht leicht, viele Häuser kämpfen. Wir sollten bei dem Thema rational bleiben." Wobei: "Ein wenig Extrahilfe wäre kein Fehler."

Folgt man Deshorties, haben mitunter aber nicht nur Frauen mit Kind einen schweren Stand auf der Bühne. "Die weibliche Stimme wird immer noch leichter abgetan als die männliche, das gilt auch für die Oper." Trotz ihrer Routine an der New Yorker Met, Auftritten in Frankreich und England spricht die Sopranistin Schwierigkeiten in Probephasen lieber nicht selber an: "In solchen Fällen bin ich oft zu einem männlichen Kollegen gegangen. Es ist offensichtlich: Wenn ich ein Problem aufs Tapet brächte, würde ich als schwierig, als ‚dramatisch‘ gelten. Tut es der Bariton, heißt es: ‚Ja, das ist ein Mann! Schaut ihn euch an, er ist professionell.‘"

Dabei gäbe es genug Beispiele, um diese Klischees zu widerlegen. Etwa die Heldin der aktuellen Premiere: Elizabeth I. von England. Deshorties beherrscht diese Rolle nicht nur in der Rossini-Oper; sie habe alle Vertonungen der historischen Figur studiert. "Ich bewundere diese Frau. Sie hat in ihrer Regentschaft mehr Fortschritt bewirkt als drei Könige davor gemeinsam. Elizabeth war fähig, ihren Emotionen zuzuhören, hatte sie aber so weit im Griff, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen konnte. Hätten wir mehr Leute wie sie, wäre es eine bessere Welt."

"Zeitalter des Narzissmus"

In der Realität heißt der neue US-Präsident Donald Trump. Ist das nicht ein Fiasko für das liberale Amerika? Heißt es nicht, dass die Menschen die Nase voll haben von Anti-Diskriminierungs-Kommissionen und Political Correctness? Deshorties sieht noch keine Zeitenwende: "Solche Politiker werden gewählt, weil es unter den Leuten immer noch Überbleibsel alter, patriarchaler Zeiten gibt. Diese Menschen sind die letzten ihrer Art. Während sich die Welt um sie ändert, kämpfen sie um die Macht."

Aber könnte es nicht sein, dass diese vermeintlich Gestrigen allerorts an die Macht zurückstürmen? "Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Wir erleben entweder einen großen Sprung nach vorne oder eine Abfolge düsterer Zeiten. Wandel passiert auf dieser Welt nicht sanft."

Was Deshorties jedenfalls Sorge bereitet: ein "Zeitalter des extremen Narzissmus", das sie heraufdämmern sieht. "Die größten Stars auf YouTube sind keine genialen Erfinder oder junge Menschen mit zwei Doktorhüten. Wir idealisieren Menschen, die für ihre Berühmtheit berühmt sind." Das nütze vor allem den Märkten: "Je dümmer wir sind, desto bessere Kunden werden wir. Im Namen des Narzissmus kann man den Leuten alles verkaufen."

Als positiver Geist kennt Deshorties aber auch ein Gegenmittel: Erziehung. Und Offenheit. "Ich habe in meinem Freundeskreis Juden, Moslems, Buddhisten, und wir können alle an einem Tisch wundervolle Leute sein -weil wir einander annehmen und gut erzogen sind." Wobei eine solche Vielfalt auch bei Opernproben entsteht: "Bei jeder Produktion hört man etliche Sprachen, treffen diverse Kulturen aufeinander, und wir versuchen, daraus etwas Positives zu machen. Davon könnte die Welt lernen."






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Dokument erstellt am 2017-03-10 17:51:09
Letzte ─nderung am 2017-03-12 11:40:44



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