• vom 20.03.2017, 16:21 Uhr

Klassik/Oper

Update: 20.03.2017, 16:22 Uhr

Musikerporträt

Der Maestro




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Von Astrid Diepes

  • 150 Jahre Arturo Toscanini - Erinnerungen an eine italienische Opernlegende.

Toscanini-Büste in Pallanza im Park der Villa Giulia.

Toscanini-Büste in Pallanza im Park der Villa Giulia.© Astrid Diepes Toscanini-Büste in Pallanza im Park der Villa Giulia.© Astrid Diepes

Pallanza. Der 25. März ist ein historischer Tag für Opernliebhaber in Italien und weltweit: Es ist der Geburtstag Arturo Toscaninis, der 1867 - vor 150 Jahren - in Parma geboren wurde und später wie kein anderer die Mailänder Scala prägte und revolutionierte. Doch auch in der deutschen Opernwelt hat er eine bedeutende Stellung: Er war der erste nichtdeutsche Dirigent, der in den Sommern der Jahre 1930 und 1931 musikalischer Leiter der Bayreuther Festspiele war. Er empfand dies als große Ehre und erfüllte diese Aufgabe unentgeltlich.

Richard Wagner war neben Giuseppe Verdi einer der Komponisten, die Toscanini besonders schätzte. Er verfügte über ein fotografisches und phonografisches Gedächtnis. Er dirigierte alle Stücke aus der Erinnerung. Bedeutend für die musikalische Nachwelt ist Toscanini auch deswegen, weil viele der von ihm dirigierten Konzerte vom New Yorker Rundfunk mit dem eigens für ihn gegründeten NBC Symphony Orchestra aufgezeichnet wurden und noch heute auf CD erhältlich sind.


Einer der Lieblingsorte Toscaninis war seine Villa auf einem kleinen Inselchen im Lago Maggiore. Heute blickt der Kopf des großen Maestros als Büste vom Festland auf "seine" Insel.

Der Dirigent in seinem Paradies
Die Isolino di San Giovanni befindet sich wenige Meter von Pallanza entfernt. Zusammen mit drei etwas größeren Inseln - Isola Madre, Isola dei Pescatori und Isola Bella - gehört die Isolino di San Giovanni zu den Borromäischen Inseln. Toscanini hatte letztgenannte mit der dortigen Villa in den Jahren 1932 bis 1938 und dann wieder nach seinem Exil in den USA ab 1947 bis 1953 ganzjährig von der Adelsfamilie Borromeo gemietet. In einem Brief vom 26. Juni 1937 hält er seine Eindrücke von der Insel fest: "Es ist ein herrlicher Tag... Nach dem gestrigen Regen hat der liebe Herrgott uns heute eine wahre Sonnenpracht geschenkt... Der schöne azurblaue See und die grünen Berge, die ihn umgeben, verschmelzen in einer Lichterpracht und in göttlicher Harmonie. Wenn wir etwas mehr im Einklang mit der Natur leben würden, wie viel edler wären wir!!"

Gut ein Vierteljahr später, am 1. Oktober 1937, schrieb er: "Ich kann Dir nicht beschreiben, wie es ist, alleine auf der Insel zu leben! Weißt Du, den ganzen Tag sage ich nicht ein einziges Wort! Und doch ist jeder Winkel dieses Paradieses von lieben Geistern bevölkert. Jeder Weg - jeder Winkel hat seine mysteriöse Anziehungskraft."

Seine Enkelin, Gräfin Emanuela di Castelbarco, erinnert sich zum 150. Geburtstag ihres Großvaters an die Zeiten auf der Isolino di San Giovanni: "Mein Leben auf der Insel war unvergesslich. Mein Großvater betrachtete das Haus dort als sein wirkliches italienisches Zuhause, mehr als Mailand und Venedig. Er empfing dort große Musiker aus aller Welt und fand die Zeit, sich mit uns Enkeln zu beschäftigen und Spaß zu haben, trotz des Niveaus der Gäste, die kamen und gingen, die auf die Insel strömten aus aller Welt. Die Fotos mit mir und meinem Großvater bezeugen, welche Freude wir während unseren Ferien dort hatten." Heute ist Emanuela di Castelbarco Präsidentin des Internationalen Komitees zur Erhaltung des Lebenswerks Toscaninis.

Zu seinen Entspannungsorten am Lago Maggiore gehörte auch das Restaurant "Verbano" auf der Isola dei Pescatori, der kleinen Fischerinsel. In einer knappen halben Stunde konnte er von seiner Isolino di San Giovanni mit dem Motorboot dorthin fahren. Noch heute leben auf der Insel Fischer, die ihren Fang in den Restaurants verkaufen. Die Besitzer von Toscaninis Lieblingsrestaurant "Verbano", 1895 eröffnet, sind stolz darauf, ihn zu Gast gehabt zu haben. Auch andere berühmte Besucher wie die Schriftsteller Gabriele d’Annunzio, Alessandro Manzoni, Ernest Hemingway und George Bernard Shaw genossen hier die Aussicht auf die Isola Bella.

Der runde Toscanini-Tisch befindet sich auf einem kleinen Vorbau auf der Terrasse. Etwas ins Wasser vorgelagert bietet er den schönsten Blick. Das wusste auch Toscanini zu schätzen. Durch die Lage vor den Blicken anderer Gäste geschützt, fand Toscanini hier Muße, Partituren zu studieren und sich mit seinen Künstlerfreunden bei gutem Essen und einer Flasche Wein auszutauschen.

In einem seiner Briefe an die Geliebte Ada Mainardi vom 3. Juli 1936 erinnert er sich an einen dieser Ausflüge: "In meiner Jugend hatte ich die Liebesbriefe von Petrus Abaelardus und Heloisa gelesen - zwar auf Französisch - doch gestern, auf der Isola Pescatori, las mein Freund Ugo Ara (ein Geiger und Bratschist, Anm.), der die Briefe nicht kannte, sie auf Englisch..."

Am 1. Juli 1938 schrieb Toscanini, wieder an Ada, aus seiner Villa auf der Isolino di San Giovanni: "Dieser Esel Walter (Toscaninis Sohn, Anm.) hat mir einen seiner Freunde, den Romanschriftsteller Alfredo Segre, angeschleppt, dessen Romane recht gut sein sollen - und ich musste ihn beim Frühstück ertragen - beim Mittagessen - auf einem Ausflug auf die Isola dei Pescatori und immer kreiste er um die gleichen Themen: Politik - Faschismus - Verfolgung der Juden usw. - diese Diskussionen, die mir meine Existenz vergiften und verbittern!"Im selben Jahr verließ Toscanini Italien und ging ins Exil nach New York. Mehrfach hatte er sich geweigert, das faschistische Kampflied "Giovinezza" zu dirigieren, und dafür Anfeindungen auf sich nehmen müssen. In Israel leitete er im Dezember 1936 das erste Konzert das neu gegründete Palestine Orchestra.

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Dokument erstellt am 2017-03-20 16:03:14
Letzte Änderung am 2017-03-20 16:22:41



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