• vom 25.06.2017, 14:30 Uhr

Klassik/Oper


Georg Philipp Telemann

Der verkannte Alleskönner




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Von Markus Vorzellner

  • Vor 250 Jahren starb der Komponist Georg Philipp Telemann, der von seinen Zeitgenossen sehr viel höher geschätzt wurde als von der weitgehend verständnislosen Nachwelt.



Georg Philipp Telemann (1681-1767).

Georg Philipp Telemann (1681-1767).© Ullstein Bild/Lebrecht Music&Arts Georg Philipp Telemann (1681-1767).© Ullstein Bild/Lebrecht Music&Arts

"Dieser Mann, dessen Musik in allen Ländern Europas von Frankreich bis Russland bewundert wurde (. . .), ist heute vergessen und verschmäht. Man versucht nicht einmal, ihn kennenzulernen." Als der französische Schriftsteller und Polyhistor Romain Rolland diese Sätze über Georg Phi-lipp Telemann im frühen 20. Jahrhundert schrieb, war dessen Stellenwert in der Musikgeschichtsschreibung schon längst auf einen Tiefpunkt gesunken, der in absolutem Gegensatz zur Wertschätzung des Komponisten zu Lebzeiten stand.

Zu sehr war einer auf Originalität bedachten Genieästhetik ein Komponist suspekt, der in nahezu allen Genres tätig gewesen war, der für sämtliche Gattungen innerhalb der Kirchenmusik ebenso angesehene Beiträge lieferte wie für das Musiktheater oder die zu seiner Zeit aufkommenden bürgerlichen Konzertvereinigungen - etwa das von ihm selbst in Leipzig gegründete "Collegium Musicum", das 25 Jahre später von Johann Sebastian Bach geleitet wurde. Die erwähnten musikalischen Betätigungen Telemanns fanden wohlgemerkt jeweils innerhalb ein und desselben Lebensabschnitts statt, ob in Hildesheim, Eisenach, Frankfurt, Leipzig oder Hamburg, seiner bedeutendsten Wirkungsstätte.

Information

Markus Vorzellner lebt als Pianist, Musikpublizist und Pädagoge in Wien

Ein Wunderkind

Der am 14. März 1681 in Magdeburg geborene Georg Philipp erlebte eine Kindheit, die sich nicht grundlegend von der des Wolfgang Amadé Mozart unterscheidet, der zu allen Zeiten vergöttert wurde: In seiner Geburtsstadt erfuhr der Knabe seine ersten musikalischen Unterweisungen und verfasste schon als Kind seine erste Oper mit dem Titel "Sigismundus". Diese Information gibt er uns selbst in der letzten seiner drei zwischen 1718 und 1739 verfassten Autobiographien, die auf Wunsch der Musiktheoretiker Johann Mattheson und Johann Gottfried Walther entstanden sind. Verschiedene Umstände hätten ihn "so kühn" gemacht, "dass ich eine ertappte hamburger Oper, Sigismundus, etwa im zwölften Jahr meines Alters, in die Musik setzte (. . .) Ich mögte diese Musik wohl itzt sehen, wenn mir der Kopf nicht recht stehet." Selbstkritik lag dem reifen Komponisten durchaus nicht fern.

In einem Punkt dürfte Telemann Mozarts Wunderkindstatus sogar überbieten: Die ersten musikalischen Unterweisungen sollten seine einzigen bleiben. In durchaus drastischer Weise beschreibt Telemann den äußerst kurzen Unterricht bei einem offensichtlich eher uninspiriert unterrichtenden namenlosen Organisten zu Beginn der 1690er Jahre: "In meinem Kopffe spuckten schon muntrere Töngens, als ich hier hörte", um dann fortzusetzen: "Also schied ich, nach einer vierzehntägigen Marter, von ihm; und nach der Zeit habe ich, durch Unterweisung, in der musik nichts mehr gelernet."

Hier wirkte also, anders als im Fall Mozarts, kein musikalisch kompetenter Vater im Hintergrund, der das Talent des Sohnes hätte fördern können. Telemanns Vater Heinrich war bereits 1685 gestorben, wäre aber als evangelischer Pastor zu einer solchen Aufgabe ohnehin kaum berufen gewesen. Die Mutter plante außerdem, dem Knaben die musikalische Betätigung auszutreiben (eine Erziehungsmaßnahme, die auch bei dem vier Jahre jüngeren Georg Friedrich Händel zur Anwendung kam). Somit entwickelte der Autodidakt Telemann ausschließlich durch Fleiß, überaus große musikalische Neugier, ebenso aber durch einen gewissen Grad an Anpassungsfähigkeit jene Vielseitigkeit, die es ihm ermöglichte, innerhalb der verschiedenen sozialen Klassen - Adel, Klerus und Bürgertum - die jeweiligen musikalischen Bedürfnisse zu befriedigen.

Höfisch und städtisch

Einen relativ kurzen Zeitraum nimmt dabei die höfische Periode ein. Vier Jahre war Telemann am Hof des kunstsinnigen Herzogs Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach tätig, 1712 endete diese letzte Besoldung in adeligen Diensten. Seit seiner Zeit in Frankfurt, wohin er von Eisenach aus übersiedelt war, lebte er, glaubt man der dritten Autobiographie von 1739, gemäß der Maxime "Wer Zeit Lebens fest sitzen wolle, müsse sich in einer Republick niederlassen". Die Bezeichnung der Freien Reichsstädte als "Republicken" mahnt eine differenzierte Sichtweise dieses Begriffes an, der mit jenem der Demokratie zwar Gemeinsamkeiten aufweist, jedoch nicht mit ihm identifiziert werden kann.

Um den Vergleich mit Mozart ein weiteres Mal zu bemühen: Stand dieser von 1781 bis zu seinem Tod 1791 zu einem beträchtlichen Teil in einem lockeren, aber gleichwohl definierten Verhältnis zum Kaiserhof, so wirkte Telemann im politischen Gefüge von Leipzig, sowie der Freien Reichsstädte Frankfurt und Hamburg im Rahmen von Dienstverhältnissen mit dem dortigen lutherischen Klerus, sowie den ansässigen bürgerlichen Konzertinstitutionen. Für die Oper konnte er nur in Leipzig und Hamburg tätig sein, da Frankfurt erst ab 1782 über ein eigenes Opernhaus verfügen konnte.

Telemann ist somit dem bürgerlichen Musikbetrieb in wesentlich konsequenterem Maß ausgesetzt als der 75 Jahre jüngere Mozart in Wien. Speziell unter diesem Aspekt kann Hamburg, wo Telemann ab 1721 fast ein halbes Jahrhundert hindurch wirken sollte, als Spiegel der gesellschaftlichen Neuordnungen und Brüche angesehen werden, welche sich über das gesamte 18. Jahrhundert erstreckten. In Hamburg wurden die Grenzen zwischen der lutheranischen Geistlichkeit und dem Opernbetrieb nicht bis zur letzten Konsequenz gezogen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-22 17:29:12
Letzte nderung am 2017-06-23 16:13:09



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