• vom 26.07.2017, 16:36 Uhr

Klassik/Oper

Update: 31.07.2017, 15:48 Uhr

Opernkritik

Wagner bei sich zu Haus’




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Von Joachim Lange

  • Bayreuther Festspiele starten mit "Die Meistersinger von Nürnberg", inszeniert von Barrie Kosky.

Einfach grandios: Michael Volle als Sachs und Klaus Florian Vogt als Stolzing. - © Bayreuther Festspiele/E. Nawrath

Einfach grandios: Michael Volle als Sachs und Klaus Florian Vogt als Stolzing. © Bayreuther Festspiele/E. Nawrath

Die dunklen Wolken, die über dem Grünen Hügel in Bayreuth hingen, hatten in diesem Jahr nichts Doppelbödiges. Die waren tatsächlich nur für den Dauerregen verantwortlich, der sich alle Mühe gab, den Besuchern die Laune zu verderben. Inklusive dem Königspaar aus Schweden und der wagnerfreundlichen deutschen Kanzlerin.

Dass bei der "Meistersinger"-Premiere als Höhepunkt der Prügelszene eine riesige Judenkarikatur wie aus dem Nazihetzblatt "Der Stürmer" als ein Popanz aufgeblasen wird und sich im dritten Aufzug die ganze Nürnberger Bürgerschaft trotz ihres üppigen Dürerlooks in dem Schwurgerichtssaal wiederfindet, in dem die Nürnberger Prozesse gegen die Obernazis stattfanden, klingt provozierender, als es tatsächlich war. Hier hält dann auch Hans Sachs (als Richard Wagner) seine berühmte Ansprache zur deutschen Kunst, die man ja ohne Mühe missverstehen kann, deren Kernsätze, aber so oder so, einen historischen Kontext haben.


Sachs redet eindringlich im Zeugenstand und ganz allein. Direkt an uns gerichtet. Er ist bei Regisseur Barrie Kosky zu guter Letzt nicht Zeuge der Anklage, sondern einer der Verteidigung. Der meint, was er sagt, positiv in die Zukunft und nicht gegen jemanden anders gerichtet. Er dirigiert gegen die "üblen Streich’, die uns dräuen" mit einem Orchester und Chor (mit seiner Musik versteht sich) an, die kurzzeitig unter der gelüfteten Rückwand herein- und wieder hinausfahren. Das ist bei Kosky die Moral von der Geschichte.

Utopische Kunst-Gesellschaft
Das Problem des drangsalierten Beckmesser hatten seine Kollegen nach dessen missglücktem Preislied vorher durch Saalverweis kurzerhand aus der Welt geschafft. Also die Frage, was der für eine Rolle in der utopischen Kunst-Gesellschaft spielen soll, wird hier nicht beantwortet. Da war das Vorspiel und der grandiose erste Akt schon weiter.

Der beginnt nämlich in der Villa Wahnfried, heftet sich an die Komödie und bleibt ihr auf den Fersen. Wagner, Cosima, ihr Papa Franz Liszt und der jüdische Dirigent Hermann Levi haben ihren Auftritt. Wagner freut sich über neue Stoffe und Parfümlieferungen, das Cosima-Gemälde und über die Alter Egos, die dem Klavier entsteigen, auf das Wagner und Liszt mit Konkurrenteneifer eindreschen. So ungefähr könnte es zugegangen sein, wenn der Meister ein neues Werk im engsten Kreis vorgestellt hat. Samt Versuch, den jüdischen Hausgast wie einen Christen beim Gebet auf die Knie zu zwingen. Wagner als selbstverliebtes Genie-Ekel - das ist großartig! Ganz selbstverständlichen übernimmt das biografische Personal die Rollen des Stücks, das sich auf der Bühne in all seiner Historienpracht entfaltet. Klaus Bruns liefert mit seinen Kostümen die ultimative Augenkur für alle, die der Second-Hand-Klamotten auf der Bühne überdrüssig sind.

Bis an die Grenzen
Was Kosky zeigt, ist eine detailverliebt ausgearbeitete Komödie der Beziehungen, Lebensträume, Gefährdungen von Menschen, die ein großartiges Protagonisten-Ensemble bis an die Grenze des musikalisch noch Möglichen ausspielt. Erst bei Wagner daheim, dann auf einer atmosphärisch grünen Wiese zwischen den Gerichtssaalwänden, schließlich vor den Fahnen der Siegermächte und unter den Augen eines stummen GIs. Was, wie Beckmessers aufgestülpte Judenmaske in der Johannisnacht, nicht wirklich entwickelt ist, sondern lediglich Assoziationen im Auge des Betrachters hervorrufen soll. Vor allem das liefert den Diskussionsstoff zur Komödie.

Philippe Jordan sorgt im Graben vor allem für komödienhafte Leichtigkeit, liefert aber auch jede Generalpause, die der Spannung dient und lässt diverse kleine Ausbrüche und gestalterische Eigenwilligkeiten zu. Schlichtweg grandios sind der Sachs von Michael Volle und Johannes Martin Kränzles Beckmesser. Ganz bei sich und seiner Rolle: Klaus Florian Vogt als Stolzing. Wunderbar Daniel Behle als David und Wiebke Lehmkuhl als Magdalene. Die Meister unter Führung vom Pogner mit der Liszt-Frisur Günter Groissböck ohne Schwachstelle. Die Buhs für Anne Schwanewilms Bemühung um Eva waren unfair, auch wenn sie mehr ihre Cosima als die Jungmädchenrolle beglaubigte. Ein gelungener und bejubelter Festspielauftakt.

Oper

Die Meistersinger von Nürnberg

Von Richard Wagner

Bayreuther Festspiele

Wh.: 31. Juli,




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-26 16:42:06
Letzte nderung am 2017-07-31 15:48:05



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