• vom 28.07.2017, 16:12 Uhr

Klassik/Oper

Update: 03.08.2017, 22:27 Uhr

Salzburger Festspiele

Radikal gegenwärtig




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Von Judith Belfkih

  • Tiefgründiger, heutiger und berührender kann Oper kaum sein als die "Clemenza" bei den Salzburger Festspielen.

Tragen Mozarts "Tito": der berührende Chor von MusicAeterna und Golda Schultz als wunderbare Vitellia.

Tragen Mozarts "Tito": der berührende Chor von MusicAeterna und Golda Schultz als wunderbare Vitellia.

Marianne Crebassa als herausragender Sesto.

Marianne Crebassa als herausragender Sesto.© Sbg. Festsp./Ruth Walz Marianne Crebassa als herausragender Sesto.© Sbg. Festsp./Ruth Walz

Die Bühne füllt ein Meer aus Blumen, Grab- und Teelichtern, zwischen ihnen sind aus Teddybären und Fotorahmen kleine Altäre gebaut. Es hat einen Anschlag gegeben. Menschen mit gesenkten Köpfen stehen um das Mahnmal, spenden einander in ihrer Trauer Trost. Sie beginnen zu singen: "Kyrie eleison", bitten sie, "Herr, erbarme dich". Gesetzt in klagendem c-Moll, aus Mozarts Großer Messe. Es schwingt Verzweiflung in ihren Worten, aber auch Hoffnung.

Es ist keine Szene, die man in Mozarts "La clemenza di Tito" erwartet. Und doch ist sie eines der Herzstücke eines berückenden Opernabends, den Peter Sellars und Teodor Currentzis bei den Salzburger Festspielen rund um das Werk gebaut haben. Mozarts Mess-Teile, die sie dafür geschickt in die Oper geflochten haben, öffnen sakral überhöhte Reflexionsräume, geben dem Werk durch die Aufwertung des Chores eine kollektivere Dimension. Die Kirchenmusik wiederum binden sie damit zurück in die reale Lebenswelt, geben ihr ein berührend menschliches Antlitz. Sellars hat diese neuen Räume in teils allegorische Bilder übersetzt, hier wird - mit dem derzeit wohl besten Opernchor - nichts weniger verhandelt als das Los der Menschheit an sich.


Die Figuren, die er dazu in der beinahe leeren Felsenreitschule (Bühne: George Tsypin) schafft, haben keine jahrhundertelange Reise hinter sich, sie entstehen im Hier und Jetzt, schälen sich als Zeitgenossen aus der Musik. Und die spricht wie die szenische Umsetzung in einer radikalen Unmittelbarkeit: Sie hat uns heute etwas zu sagen, alles andre ist irrelevant.

Metallzäune, Polizisten mit Sturmgewehren, Rucksäcke mit Sprengstoff - Peter Sellars hat aktuelle Bilder der Gewalt und der Macht gewählt, um die Geschichte des gütigen Herrschers einer multikulturellen Gesellschaft zu erzählen, der mit seiner Milde das Drama erst in Gang setzt. Den Terror hat er von Religion oder Ideologie getrennt. Er ist die verzweifelte Tat eines labilen Charakters unter Druck und ohne Perspektive. Diese Lesart ist im besten Sinne derart heutig, dass es wehtut.

Die Wucht der Stille
Musikalisch zeigt sich Teodor Currentzis als exzellenter Zuhörer, der wiederum zum Zuhören verführt. Wenn er eine Stimme aus dem präzisen wie seelenvollen Orchester der MusicAeterna herausschält, den Chor in atemberaubendem Piano singen lässt oder das Geschehen wie in Zeitlupe anhält, auf einer einzelnen Note verweilt, um im nächsten Augenblick über die nächsten Phrasen im Zeitraffer zu stürmen. Die Wucht seiner Lesart liegt im Mut zur Stille als Basis von Musik, er arbeitet mit starken Kontrasten - von tiefster Zärtlichkeit bis aufwühlender Dramatik.

Neben dem fantastischen Chor tragen drei Sängerinnen diesen Abend und sind wahre Mozart-Entdeckungen: Marianne Crebassa als ein stimmlich grandioser Sesto, den es vor lauter Zerrissenheit zwischen den allzu starken Emotionen und der labilen Psyche selbst zu zerfetzen droht. Ihr "Parto"-Duett mit dem kongenialen Klarinettisten auf der Bühne ist ein rarer Augenblick puren Musiktheaters. Golda Schultz ist eine famose Vitellia, die mit ihrem edlen, leidenschaftlichen Sopran die Wandlung von der gekränkten Rächerin zur reuigen Sünderin eindrucksvoll vollführt. Wenn sie in ihrem Schmerz (über die eigenen Taten) von einer Choristin in die Arme genommen wird, ist es das stärkste Bild für diese "Clemenza", für die allumfassende menschliche Güte, der das Stück gewidmet ist. Nämlich der, die wir uns und einander schenken. Jeanine De Bique ist als zarter und lyrischer Annio eine Bereicherung. Christina Gansch sind die vokalen Schuhe der Servilia zu groß, Willard White ist als Publio etwas schwerfällig.

Mit Russell Thomas hat die Produktion jedoch einen Titelhelden, der auch stimmlich mit seinem hellen, geradlinigen Tenor zum Sinnbild jener Qualen wird, die Mildtätigkeit auszulösen vermag. Nicht zuletzt durch seine Figur kehrt sich die Gegenwart in dieser Oper in den Wunsch um, die Bühnen-Realität möge auf die Wirklichkeit zurückwirken. Dass Sellars in genau diesem Moment Tito sterben lässt, macht den Effekt nur noch stärker. Das Ringen der großen Kontrahenten dieser Oper, der Hartherzigkeit der Welt und der Güte des Einzelnen, es geht weiter.

Die Begeisterung des Premierenpublikums fand am Donnerstag vor der Felsenreitschule eine Fortsetzung, als Besucher den jubelnden Musikern Bravi in die Garderoben hineinriefen. Als ein Wunder hatte Markus Hinterhäuser die Produktion angekündigt. Das ist sie ein Stück weit geworden.

Oper

La clemenza di Tito

Teodor Currentzis (Dirigat)

Peter Sellars (Regie)

Salzburger Festspiele




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-07-28 16:18:09
Letzte nderung am 2017-08-03 22:27:06



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