• vom 13.11.2017, 17:24 Uhr

Klassik/Oper

Update: 13.11.2017, 17:31 Uhr

Wien Modern

Feiern wie die Bürohengste




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Von Christoph Irrgeher

  • Firmenparty am Gipfelpunkt der Peinlichkeit: die hanebüchene Oper "Die Antilope" bei Wien Modern.

Ein Prosit der Gemütlichkeit: zoologisches Zusammensein bei Wien Modern. - © Armin Bardel

Ein Prosit der Gemütlichkeit: zoologisches Zusammensein bei Wien Modern. © Armin Bardel

Keine Frage: Firmenfeiern sind eine heikle Sache. Beginnt der Abend meist mit einer verspannten Chefrede, schlägt er unter Beimischung des Teufelchens Alkohol rasch ins Gemütvolle um und endet nicht selten in Fällen von Zwischenmenschlichkeit, die am Folgetag für Bürotratsch bürgen.

In diesem Zusammenhang muss man den Hut vor Durs Grünbein ziehen: Dem deutschen Autor ist es gelungen, einen Text zu dem Thema zu verfassen, der die Peinlichkeiten des Sujets noch weit übertrifft. Das allerdings unfreiwillig. "Die Antilope", so heißt das Stück, zeigt eine auf Gewinnmaximierung und Rationalität bedachte Firmenbelegschaft und stellt ihr als Antipoden den daran leidenden, speibbleichen Victor gegenüber. Der krümmt sich schmerzverzerrt unter dem Tisch, während rundum der Bär steppt und die Schmalspur-Bacchanten recht seltsame Sätze absondern, die irgendwo zwischen lachhafter Absurdität ("die Nacht, da der Pudding brennt!") und verkünstelten Kalauern irrlichtern. Der Schmerzensmann geht allerdings in die Gegenoffensive. Seltsam, aber so steht es in diesem Text: Victor entstößt sich einen völlig unverständlichen Monolog in einer Sprache namens "Antilopisch". Dann hüpft er tiergleich aus dem Fenster.

Information

Oper
Die Antilope
Museumsquartier, Wien Modern
Wh.: 14., 15., 16. November

Sein Leiden - und das des Publikums - ist damit aber nicht ausgestanden. In weiterer Folge wimmert sich Victor durch obskure Straßenszenen, die unter anderem drei Horrorclowndoktoren auf den Plan rufen (deren Diagnose: "Der Mann pfeift aus dem letzten Loch!"). Bevor dann ganz am Ende die Firmenfeier von Neuem losgeht (keine wirklich neue Idee!), kommt es allerdings noch zu einer Überraschung: Wir erblicken ein zeitgenössisches Kunstwerk, das ebenfalls "antilopisch" sprechen kann. Ein Umstand, aus dem man folgern darf: Dieses seltsame Gefasel soll offenbar Ausdruck einer Denkungsart sein, die sich jedweder Form kapitalistischer Vereinnahmung entgegenstemmt. Bitte - nichts gegen Kapitalismuskritik. In derart schwammiger, scheinsinniger Form darf man sie aber nur mit 17 zu Papier bringen oder wenn man benommener ist, als das Suchtmittelgesetz erlaubt.

Respektable Musik

Seltsamerweise ist dieser Text nicht nur veröffentlicht, sondern zu einer Oper verarbeitet worden, und die sucht derzeit Wien in ihrer Uraufführungsregie aus dem Jahr 2014 heim. Es gibt allerdings auch gute Nachrichten für diesen Abend im Museumsquartier beim Festival Wien Modern. Die Sache dauert nur 80 Minuten und wird von respektabler Musik begleitet. Johannes Maria Staud, Jahrgang 1974, erweist sich als achtbarer Vertreter seiner Generation: Den Heiterkeitshorror verwandelt er in bassige Bläserexplosionen, die von Glissandi und Klangpartikeln umtost werden - handwerklich gut gearbeitet und expressiv anzuhören, vor allem in den Gesangslinien des Antilopenmanns (Opernmitarbeiter des Abends: der ausdrucksstarke Wolfgang Resch). Schön auch, dass sich Staud nicht zu schade ist für zwei tonale Zugnummern.

Die Regie tut leider wenig, den Text genießbar zu machen: Dominique Mentha, Ex-Volksoperndirektor und als Intendant des Theaters Luzern für die Uraufführung verantwortlich, lässt die Sänger mit Tiermasken herumscharwenzeln und so peinlich tänzeln, wie man es eigentlich nur in missglückten Opernproduktionen sieht. Nach 80 Minuten mit dem animierten amadeus-ensemble der Neuen Oper Wien (Dirigent: Walter Kobéra) ist dann Dienstschluss. Immerhin: ohne Katergefahr.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-13 16:47:08
Letzte nderung am 2017-11-13 17:31:17



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