• vom 01.01.2018, 18:14 Uhr

Klassik/Oper

Update: 01.01.2018, 18:50 Uhr

Neujahrskonzert

Grüße aus dem Walzer-Palast




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Von Christoph Irrgeher

  • Riccardo Muti leitete das Wiener Neujahrskonzert mit viel Würde, aber wenig Überschwang.

Riccardo Muti leitete sein mittlerweile fünftes Wiener Neujahrskonzert.

Riccardo Muti leitete sein mittlerweile fünftes Wiener Neujahrskonzert.© apa/Hans Punz Riccardo Muti leitete sein mittlerweile fünftes Wiener Neujahrskonzert.© apa/Hans Punz

Auch wenn die Stadt Wien an 364 Tagen im Jahr ein besonderes Naheverhältnis zum Tod und zur schönen Leich’ pflegt: Am 1. Jänner sendet sie eine frohe Botschaft an den Planeten, und diese Botschaft ist das Neujahrskonzert der Philharmoniker. Mag man hierzulande sonst auch der Meinung sein, dass die Welt auf kein‘ Fall mehr lang steht, und sich diesbezüglich von politischen Krisen bestätigt sehen: Am Neujahrstag verbreitet die TV-Übertragung aus dem Wiener Musikverein überwältigenden Optimismus.

Dass sich die Sendung globaler Beliebtheit erfreut, ist einerseits natürlich dem philharmonischen Schönklang zu danken, wohl aber auch einer zentralen Botschaft. Dieses TV-Event belegt: Die modernen Zeiten, sie fegen nicht alles hinweg. Weder haben sie die Wiener Klangkultur ausgelöscht noch die gediegenen Strauß-Walzer und schon gar nicht die vielen altgedienten Institutionen dieser Stadt, deren Jubiläen das Neujahrskonzert stets akkurat vermeldet. Diesbezüglich lieferte die TV-Übertragung heuer Bilder mit Verweis auf die Porzellanmanufaktur Augarten (300. Geburtstag) und auf die Österreichische Nationalbibliothek (650. Jubiläum). Und: Es wurde nicht zuletzt ein Otto-Wagner-Pavillon ins Licht gerückt, weil dessen Urheber vor 100 Jahren verblichen ist.

Information

Konzert
Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker
Wiener Musikverein
ab 5. Jänner auf CD, ab 26. Jänner auf DVD und Blu-ray

Auf Würde eingestellt

Im Musikverein fand gewissermaßen ein kleines Jubiläum statt: Riccardo Muti leitete sein mittlerweile fünftes Wiener Neujahrskonzert. Es ist nicht auszuschließen, dass er es gemeinsam mit den Philharmonikern noch auf einen runden Zehner bringt: Mit seinen 76 Lebensjahren zählt Muti noch lange nicht zu den dienstältesten Senioren am Pult des Spitzenorchesters. Und er bürgt für musikalische Tugenden, die man gerade bei einem Prestige-Termin schätzt: Muti, den Philharmonikern seit fast schon 50 Jahren verbunden, ist auch als Walzer-Interpret von Kopf bis Fuß auf Würde eingestellt.

Der Sound dieses Orchesters - brillant, satt, in sich gerundet - kommt ihm da genau recht: Muti entrollt im Musikverein einen weihevollen, ja fast imperialen Klang. Diese Neujahrsgrüße, so meint man, entstammen dem Inneren eines Walzer-Palastes. Ein Eindruck, zu dem auch die Tempowahl beiträgt. Gehetztheit? Rasanz? Muti, so scheint es, empfindet Eile als gänzlich unangemessen für den Wiener Walzer und arbeitet gewissermaßen mit Tempolimits. Das ergibt immer wieder Sinn: Der "Marien-Walzer" von Johann Strauß Vater etwa schwebt wie ein Wölkchen der Eleganz dahin, die "G’schichten aus dem Wienerwald" entwickeln ein geruhsames Naturidyll - und die "Rosen aus dem Süden" entfalten einen delikaten italienischen Duft, bevor sie sich zuletzt doch zu einem wuchtigen, wirbelnden Klangbild steigern und so in einem Moment des Überschwangs gipfeln.

Solche Momente sind allerdings rar gesät, und darin liegt die Crux des Neujahrskonzertes 2018. Ein wenig Schalk und Übermut dürfte man sich schon erwarten von einem Jahreswechsel - und auch etwas mehr Dynamik und Kontrast, nicht zuletzt, um übernachtige Zuhörer wachzurütteln.

Schade also, dass die "Brautschau"-Polka des Johann Strauß Junior ihren frivolen Witz hier nur erahnen lässt; schade ebenfalls, dass der "Donauwalzer", zwar wundervoll süffig begonnen, sich nicht zur rasenden Tanzekstase aufschwingt, sondern seine Temposteigerung auf halbem Wege abbricht. Problematisch auch, dass so manches Stück auf dem Programm an einer blassen Melodie krankt. Eine hübsche Idee zwar, den baldigen EU-Vorsitz Österreichs durch Stücke mit Brüssel-Bezug zu würdigen. Es wäre allerdings wünschenswert, dass sich die kommende politische Epoche stärker ins Gedächtnis eingräbt, als dies der "Stephanie-Gavotte" von Alphons Czibulka gelingt.

Intensität des Musiktheaters

Ein paar Muntermacher dirigiert Riccardo Muti aber doch an diesem Vormittag. Als Inseln der Intensität erweisen sich dabei vor allem Stücke, in denen er seine Expertise als Operndirigent ausspielen kann. Die "Maskenball"-Quadrille (von Strauß Sohn nach Giuseppe Verdi), mehr aber noch die Ouvertüre zu Franz von Suppés "Boccaccio" lässt unvermittelt die Tragik des Musiktheaters in den Saal hereinbrechen: Momente von nachgerade nackter Inbrunst neben den vielen Strauß-Walzern im schönen Gewand.

Gegen Ende fesselt der Italiener aber auch noch mit Strauß, verbreitet mit den beiden schnellen Polkas "Eingesendet" und "Unter Donner und Blitz" blitzsaubere Rasanz und trumpft in der traditionellen Schluss-Zugabe auch mit der Fähigkeit auf, das mitklatschende Publikum schier mühelos auf sein Wunschtempo für den "Radetzky-Marsch" einzuschwören. Apropos Kapellmeister-Könnerschaft: 2019 wird Christian Thielemann das Neujahrskonzert dirigieren.





Schlagwörter

Neujahrskonzert

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-01 18:17:08
Letzte nderung am 2018-01-01 18:50:32



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