Kann sich Publikum taktlos verhalten? Ja, es kann. Diese Annahme wurde beim samstägigen Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker im Großen Musikvereinssaal verifiziert.
Der Reihe nach: Sir Antonio Pappano dirigierte Joseph Haydns Symphonie "Der Philosoph". Der Engländer sorgte für ein spannungsgeladenes Wechselspiel der Geigengruppen, der Finalsatz erfuhr dramatische Zuspitzung. Die nun folgenden neuen Klänge erläuterte Pappano mit einführenden Worten. Das Orchester hatte "Teufel Amor" von Jörg Widmann tags zuvor im Konzerthaus uraufgeführt, nun war es im Musikverein zu erleben. Ein Konflikt werde hier akustisch erzählt, so Pappano - bis zur Katastrophe. "Teufel Amor", inspiriert von einem Schillerschen Gedichtfragment, erwies sich als großer Wurf: Zwei Sphären kämpfen bis zum ekstatischen Taumel. Melodiefragmente zitieren romantischen Gestus - ganz so, als würden die Musikvereinsgeister auferstehen und sich der Musiker bemächtigen.
Gekonnt ignoriert
Das Publikum der hinteren Ränge spendete begeistert Applaus, während man im Parterre schon kollektiv dem Pausenplausch zustrebte. Der sich zu Hinterköpfen verbeugende Komponist wurde, als gehörte dies zum guten Ton, gekonnt ignoriert.
Die "Vierte" von Johannes Brahms hub nach der Pause samtig-weich an. Pappano ließ volltönend musizieren, hielt die Zügel aber kurz, war am Fortspinnen der Gedanken interessiert, nicht am Suhlen im Klangbad. Celli und Kontrabässe agierten über weite Strecken spannungslos, Flöte und Horn hingegen berückten.
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