• vom 01.05.2012, 15:45 Uhr

Konzert

Update: 19.04.2013, 16:28 Uhr
  • Artikel
  • Fotosstrecke
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Nachlese 2012

Der Spirit sei mit dir


Von Andreas Rauschal

  • Ausdruckstanz und schlechte Laune beim Donaufestival in Krems

Krems/Wien. Die Sache mit dem Veranstaltungsmotto - die "Vertreibung ins Paradies" und somit auch die Flucht nach Utopia - sollte am Montag ausgerechnet in der Minoritenkirche nicht funktionieren: Scout Niblett, die in ihrer Kunst vor allem das Hier und Heute (wie überwiegend dessen Schattenseite) beschwört, half dem Donaufestival dafür allerdings, sein Bemühen um "ungewöhnliche Hochzeiten" streckenweise höchst gelungen zu illustrieren.

Tanztheater und Hippie-Folklore: die US-Schwestern CocoRosie.

Tanztheater und Hippie-Folklore: die US-Schwestern CocoRosie.© Florian Schulte Tanztheater und Hippie-Folklore: die US-Schwestern CocoRosie.© Florian Schulte

Gemeinsam mit Lapdog of Satan, einem in New York ansässigen Filmmusikproduzenten- und Metalduo, das am ersten Wochenende in Krems auch die Produktionen von CocoRosie musikalisch umrahmte, erfuhr Nibletts spartanischer Zwei-bis-vier-Spuren-Sound eine entscheidende Erweiterung. Tatsächlich gelang der auf ihren Alben zwischen den kargen Bluesrockriffs einer frühen PJ Harvey und jeder Menge schlechter Laune aus dem Kellergewölbe des Grunge pendelnden Britin über die Beigabe granitharter Metalakkorde und donnernder Dampfhammer-Drums ein dringlicher Live-Sound, mit dem auch eingedenk vergangener Wien-Konzerte so nicht zu rechnen war. Von verschlepptem Doom und Donner ging es nach ätherischen Klangstudien mit gelooptem Cello überraschend hin zu Vintage-Soul mit Torch-Charakter und letztlich zur Einführung des Bassklarinettensolos in das Schaffen Scout Nibletts.

Werbung

Außenseiterhymnen
Bestimmt wurde das Geschehen aber vom US-amerikanischen Geschwisterduo CocoRosie, dem es in seiner musikalischen Kunstwelt aus eklektischem Found-Footage-Folk bereits langweilig geworden sein dürfte. Immerhin verlagert man sich derzeit in Richtung szenische Inszenierung, wie mit "Nightshift" eine Produktion Bianca Casadys unterstrich. Als Tanzstück mit Längen und Hang zu Erzählstimme, "Blair-Witch"-Wäldern und der entsprechenden Dogma-Kamera, ging es zu E und U vereinenden Tönen bald um eines: Festgemacht an der Geschichte eines kleinen Mädchens, sollte eine Außenseiterhymne angestimmt werden, die verlorene (da gestohlene) Unschuld, den Abstieg in die Niederungen der menschlichen Seele und den Umgang damit abhandelte. Unter Zutun des brasilianischen Choreografen Biño Sauitzvy, ihrer Schwester Sierra oder der Vogue-Tänzerin Leiomy Maldonado aus New York sah man kryptische Szenen, die das Böse der Welt mit dem Streben nach "Transzendenz" konfrontierten. Eine Vogelscheuche erwachte für den Totentanz kurzfristig zum Leben. Das Heer der ewigen Zombies zitterte seinen Weg über die nachtschwarze Bühne. Der auf einen mannshohen Fliegenpilz gefallene Pornoengel zauberte ein Schlüsselloch vor das geistige Auge. Dazu kam die Erkenntnis, dass Aschenputtel heute Latexstiefel trägt, und vor allem, dass das Melodram zwecks maximaler Wirkung auch im zeitgenössischen Ausdruckstanz noch immer in den Himmel drängt.

Esoterik-Schrott
Wie vor allem das unter dem Motto "Die achte Nacht" verkaufte Abschlusskonzert CocoRosies gemeinsam mit dem französischen Beatboxer Tez, den indischen Folkloristen Rajasthan Roots, US-Ausnahmestimme Antony Hegarty (Antony and the Johnsons) und letztendlich zahlreichen weiteren Mitmusikern erklären sollte, schließen die Casady-Schwestern nun aber nahtlos an das geistige Erbe ihres als Wanderprediger und Schamane tätigen Vaters an. Befreiungstänze mit glückseligem Erleuchtungsblick nahe am Endstadium des yogischen Fliegens, indische Folklore als hippieskes Mysterientheater auf der Suche nach dem größten Guru aller Zeiten, ein Konzert als Sondermülldeponie aus esoterischem Schrott - kurz: Man konnte während dieses nicht und nicht enden wollenden Auftritts darüber spekulieren, welche Drogen hier genau im Spiel gewesen sein mochten, oder andere wichtige Fragen erörtern: Wann sind wir endlich daheim? (Wir sind nie daheim!) Was brauche ich morgen noch alles vom Supermarkt außer Brot und Milch? (Mist, es ist doch Tag der Arbeit . . .) Darf ich dir noch ein Bier holen gehen oder Zigaretten von weit drüben im Ort? Bitte. Bitte! Bitte?!?

Was genau Gott in der achten Nacht nun getrieben hat, blieb letztlich im Dunkeln. Sicher ist nur: Die Nacht war lang.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-01 15:50:05
Letzte Änderung am 2013-04-19 16:28:22



Werbung



Beliebte Inhalte



Spätes Debüt: Christoph Eschenbach auf dem Balkon der Wiener Staatsoper. - apa/Herbert Neubaer
  • Der Deutsche dirigiert ab dem
  • heutigen Donnerstag in Wien "Capriccio".
  • weiter

Kurt Vile zwischen den Polen Laut und Leise. - Rex Features/picturedesk.com Mit dem bis auf Nippelhöhe fallenden Haupthaar vor dem Gesicht und einem grundsätzlichen Out-of-bed-Look, wie man ihn Anfang der 90er Jahre auch als...weiter

Sänger und Bassist Gene Simmons weist den Weg in Richtung Inferno. - APAweb / Herbert P. Oczeret
  • Bombastshow mit Blut, Feuer und Krachern.
  • weiter

Festgefroren in der "Nacht der Liebe": Peter Seiffert und Nina Stemme. - apa/Hans Klaus Techt Und dann der Schlussgesang. "Liebestod" nennt man heute, was Richard Wagner einst als "Isoldes Verklärung" bezeichnet hat...weiter

Die Festivalbesucher hatten sichtlich Spaß, viele vergaßen auf's Wassertrinken: Die Rettungskräfte hatten in der prallen Sonne viel zu tun. - APAweb / Herbert P. Oczeret
  • Polizei schnappte "Zelt-Schlitzer"-Quintett.
  • weiter

  • Wolfgang Pollanz schreibt eine Autobiografie in Songs.
  • weiter

Wild und gefährlich war einmal. Heute ist Heavy Metal in der Mitte angekommen. - epa
  • Die laute Musik ist kein Randphänomen mehr, aber auch kein Mainstream.
  • weiter



Die Kraft der Benommenheit

Kurt Vile zwischen den Polen Laut und Leise. - Rex Features/picturedesk.com Mit dem bis auf Nippelhöhe fallenden Haupthaar vor dem Gesicht und einem grundsätzlichen Out-of-bed-Look, wie man ihn Anfang der 90er Jahre auch als... weiter




"Nova Rock"-Bilanz

Ein ruhiges, buntes Festival mit 150.000 Besuchern

20130616_novarock - APAweb / Herbert P. Oczeret Nickelsdorf. Im burgenländischen Nickelsdorf zog Veranstalter Ewald Tatar eine erste Bilanz über das dreitägige Nova Rock Festival... weiter




Zwei Jahre nach ihrem Debüt veröffentlichen Beady Eye ein neues Album

Bemühter reimen

Liam Gallagher (2. v. l.) und Beady Eye liefern Nachschub in Sachen Britpop. - Nick Griffiths Wien. Man ist immer so gut, wie man sich fühlt. Liam Gallagher fühlt sich sehr gut. Das stimmt zwar nicht - aber er redet es sich zumindest so lange... weiter




Schwere Unwetterschäden nach einem Murenabgang im Ortskern von Hallstatt aufgenommen am Mittwoch, 19. Juni 2013. Nach einem heftigen Unwetter ist der Mühlbach über die Ufer getreten wobei eine Mure den Ortskern von Hallstatt im oberösterreichischen Salzkammergut beschädigt hat.

Ein Fahrrad an einer Kreuzung mitten im 9. Bezirk war der etwas ungewöhnliche Rastplatz für ein Bienenvolk. Guten Tag, Lubango! Der Giraffen-Junge kam am Samstag, 15. Juni, zur Welt.

19.6.2013: Ein Turopolje-Schwein schwimmt in einem Teich im Tierpark in Schleswig-Holstein. Die robusten Schweine stammen ursprünglich aus den Flussniederungen der Save in Kroatien. Die Turopolje sind ausgezeichnete Schwimmer, die sich bei Überschwemmungen die Nahrung auch unter Wasser suchen und sogar nach Muscheln tauchen. Kunstraub der anderen Art: Von einer Hauswand  in London ausgemeißelt wurde im Februar das Banksy-Graffitikwerk "Slave Labour". Kurz darauf tauchte es bei einem Auktions-Haus in Miami in Florida wieder auf. Am 2. Juni wiederum wurde es trotz Proteste um 1,1 Millionen Dollar in London versteigert. Das Kulturbild der Woche geht nun für zwei Wochen auf Urlaub und ist am 24.Juni wieder zurück.

Werbung