• vom 08.05.2012, 15:12 Uhr

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Update: 08.05.2012, 15:19 Uhr
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Tindersticks in Wien

Der Soul des weißen Dandys


Von Andreas Rauschal

Stuart A. Staples und die Tindersticks live im Wiener Theater Akzent: The Sound of Weltschmerz.

Stuart A. Staples und die Tindersticks live im Wiener Theater Akzent: The Sound of Weltschmerz.© Pfoff Stuart A. Staples und die Tindersticks live im Wiener Theater Akzent: The Sound of Weltschmerz.© Pfoff

Der Walrossbart, den Stuart A. Staples aktuell trägt, lässt nicht nur an Lee Hazlewood denken, dessen Einfluss auf die Tindersticks kaum überschätzt werden kann. Vor allem legen die solchermaßen betont nach unten zeigenden Mundwinkel bereits nahe, dass die 1991 in Nottingham gegründete Band auf eine gewisse Schwere vertraut: Melancholie und Weltschmerz als Lebenseinstellung, festgemacht an lichtscheuen Liedern über die Liebe, die so schön sind, dass es wehtut.

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Ursprünglich verankert in einem wie auch immer gearteten Alternative Rock mit Hang zu alten Meistern, wie eben Lee Hazlewood und dem im Fach des dunkelgrauen Liedes als Schutzheiligem auf immer und ewig verehrten Leonard Cohen, ging es bei den Tindersticks mit elegischen Streicherarrangements bald auch klassisch zu. Während Grunge sich das Leid an der Welt mit grobem Schmerzrock von der Seele prügelte, sorgte Stuart A. Staples als Dandy im Dreiteiler mit seiner Kombo für jenen ebenso zeitlosen wie strikt aus der Zeit gefallenen Sound, der diesbezüglich anfällige Nachtschattengewächse bei bloß sanften Klangadaptionen eng an die Band band.

Neues mit Saxofon
Nach internen Spannungen, einer Quasi-Trennung und Staples’ Start in eine Solokarriere präsentieren sich die Tindersticks seit ihrer (neubesetzten) Wiederkehr mit dem Album "The Hungry Saw" im Jahr 2008 in einer Form, die mit der Reife eines gut gelagerten Rotweins vergleichbar ist - so man nicht den legitimen "Vorwurf" des künstlerischen Stillstands auf allerhöchstem Niveau erhebt. Am ersten zweier restlos ausverkaufter Abende im Theater Akzent erlebte eine mit der heute zu sechst aktiven Band gut gealterte Abendgesellschaft als neuesten Streich also eine äußerst dezente Frischzellenkur mit eingestreuten Bossa-Nova- und Cha-Cha-Beats. Vor allem aber ein für flächige Klänge aus dem Hintergrund sorgendes Basssaxofon, das sich nur bei ein, zwei Songs in jene leicht schwülstige Kunst verirrte, die man auch von den späten Roxy Music in ihrer "Avalon"-Phase her kennt, schob den Sound des aktuellen Albums "The Something Rain" auch live in den Vordergrund.

Entdeckter Groove
Das daraus gebotene Material spannte den Bogen vom konzisen Songwriting des mit Ennio-Morricone-Gitarre auffahrenden "Show Me Everything", das Staples, flehend, mit seinem zitternden Bariton in den Hallraum entließ, über die musikalisch umrahmte Kurzgeschichte "Chocolate" hin zu atmosphärischen Studien wie dem mit viel Echo veredelten "Frozen", mit dem die Band letztlich den Groove für sich entdeckte.

Staples, der seine nebelschwadrige Kunst auch mimisch untermauerte, wechselte Tamburin, akustische und elektrische Gitarre, während zarte Orgelklänge und Fender Rhodes für wohlige Wärme sorgten. "This Fire Of Autumn" erwies sich zumindest in den Strophen als Post-Punk im Sinne von Joy Division, gespielt mit den Mitteln einer Barhockerband, ehe "I Know That Loving" aus 1999 mit weißem Erlösungssoul zumindest musikalisch erklärte, dass irgendwie, irgendwo, irgendwann vielleicht doch alles gut werden könnte. Chapeau!

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-08 14:47:04
Letzte Änderung am 2012-05-08 15:19:20



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