
Salzburg. Den Sesto (aus Mozarts "Titus") singt man am besten im Hosenanzug. Wie aber kleidet man sich für "Exsultate jubilate"? Salzburger Dirndl! Welch ein Glück, dass Anna Netrebko ihre Bronchitis kuriert: Sonst hätte Cecilia Bartoli bei den Pfingstfestspielen in Salzburg dieses Musikantenstadl-Finale nicht durchziehen können.
Der Moderator hieß aber nicht Andy Borg, sondern Valery Gergiev. Und der hat sich redlich abgemüht, Mozarts "Exsultate jubilate" zu begleiten und zuletzt mit den rasenden Alleluja-Koloraturen der Bartoli mitzuhalten. Fazit: Es ist unglaublich, wie schlecht ein Orchester spielen kann.
Überaus ernsthaft sang am Pfingstmontag im Großen Festspielhaus Mojca Erdmann als Einspringerin ein Auftragswerk der Pfingstfestspiele an den Senior-Meister der zeitgenössischen Musik Russlands, den bald achtzigjährigen Rodion Shchedrin. "Kleopatra i zmeja" ist eine gekonnt instrumentierte hochdramatische Szene, die den Sopran einbettet in ein im Volumen forderndes, irisierend flimmerndes orchestrales Klangspektrum. Dafür, dass Mojca Erdmann das Stück in ein paar Tagen gelernt hat, muss man ihr höchsten Respekt zollen. Leuchtkräftig bot sie dem Orchester Paroli und nutzte Freiraum für lyrische Einsprengsel.
Mehr Kleopatra: Sergej Prokofjews Musik zu ""gyptische Nächte". Ein sonderbares Ding: die Krawall-Ouvertüre "Antonius und Kleopatra" von Anton Rubinstein. Das Orchester des Mariinski-Theaters St. Petersburg hat hier angedeutet, dass der Abstieg von der B- in die C-Liga droht. Am Vormittag des Pfingstmontags war ein Sängerfest angesagt: Vesselina Kasarova hat der sich per Schlangenbiss selbst ins Jenseits befördernden Kleopatra ihren Mezzosopran geliehen. Zurückhaltend näherte sie sich Hector Berlioz "La mort de Cléopâtre", und das war sehr gut so - hält der Orchestersatz dieser hyper-dramatischen Szene ja Schauerromantik in Hülle und Fülle bereit. Da tut es nur gut, wenn die Sängerin nicht an der Expressivitäts-Schraube dreht.
Nicht nur Kleopatra, auch Armida war eine Verführerin aus dem Morgenland. Ihr ist Rinaldo aufgesessen. Gottlob hat der Kreuzritter wackere Mannen zur Seite, die ihm einen polierten Schild entgegenhalten. Und in diesem Spiegelbild erkennt Rinaldo ein gar jämmerliches Weichei in den Fängen einer Zauberin.
Runder Kraftlaut
Brahms hat den "Rinaldo" vertont und in den Passagen, in denen Rinaldo von den Liebeswonnen bei Armida schwärmt, einen Holzbläsersatz geschrieben, der seinesgleichen sucht. Wundervolle Dinge ließen die bayerischen Musiker da in den Zuschauerraum strömen, und Pjotr Beczala hat dazu tenoralen Schön- und Kraftlaut vom Rundesten hören lassen. Glasklar artikuliert die Männertruppe vom Chor des Bayerischen Rundfunks.
Am Pfingstsonntag hatte sich das Mozarteumorchester unter Vladimir Fedoseyev Jules Massenets 1912 entstandene Oper "Cléopâtre" vorgenommen: Wellness für die Ohren. Völlig aus der Zeit gefallen (Figuren Melisande, Salome und Elektra waren damals State of the art!), aber für die Sänger ist das Werk schlichtweg ein Traum. Der Mezzosopranistin Sophie Koch in der Titelrolle könnte man von den ersten Tönen an erliegen, genau so wie Marc-Antoine (der dunkel timbrierte Bariton Ludovic Tézier), der nicht ohne Snobismus in der unterworfenen ägyptischen Königin eine Liebessklavin sehen will, ihr aber auf den Leim geht. Der freigelassene Sklave Spakos (ein sanfter Tenor-Strahlemann: Benjamin Bernheim) dient Cléopâtre als Lückenbüßer und leidet gehörig drunter.
Vladimir Fedoseyev weiß, wo Musik ordentlich losknallen darf, aber in der Hauptsache hat er für eine kluge Gewichtung der Lyrik, für ein Erblühen der Kantilenen gesorgt. Da hat einfach jeder Baustein auf den anderen gepasst.
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