Vom vergossenen Blut des Gekreuzigten ist die Rede in dem Chor "Tui nati vulnerati", aber Dvorak setzt das im Sechsachteltakt um, mit einer fagott- und klarinettenseligen Begleitung, dass man böhmisches Volksmusikantentum zu greifen meint! Für Antonin Dvorak war sein "Stabat Mater" der Erfolg schlechthin. Heutzutage freilich ist es aus dem Kanon der Oratorien-Literatur gekippt, was auf den ersten Blick verwunderlich ist: Kaum ein Werk aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann sich an Effekt und Melodienreichtum mit dieser Vertonung messen.
Wieso also nicht ein gleichberechtigter Platz neben Brahms oder dem Verdi? Gäbe ein Dirigent jeder süffigen melodischen Wendung nach, ließe er die Zügel locker, wo sich die Sache so recht emotional oder auch schmeichlerisch anführt: Es würde effekthascherischer Bombast daraus. Nikolaus Harnoncourt freilich, der strenge "Klangredner" auch in romantischen und post-romantischen Gefilden, behält da Übersicht und Strenge. Am Donnerstag im Grazer Stephaniensaal legte er dieses "Stabat Mater" gleichsam auf die Werkbank. Was mag Dvorak wichtig gewesen sein? Die biografische Situation (der Tod dreier Kinder) wird immer wieder ins Treffen geführt. Harnoncourt, der die Zahl der Streicher im Chamber Orchestra of Europe reduziert und damit die Bläserfarben entscheidend aufgewertet hat, lässt die Brüche zwischen quasi-folkloristischer Plakativität und Verstörung mit besonderer Aufmerksamkeit herausarbeiten. Da kommt das "Eja Mater, fons amoris" wie ein pietistisch weich gezeichneter Marsch daher, aber dann, aufs Wort "fac" (mache!), schlagen Chor und Orchester mit frappierender Wucht drein. Dieses "fac", das im Text des Stabat Mater mindestens in jeder zweiten Strophe vorkommt, wird sehr unterschiedlich gewichtet - im Lauf der anderthalb Stunden schließt der imaginäre Protagonist seinen Frieden mit dem Gekreuzigten. Freilich: Eine so ungetrübt-orgiastische Finalsteigerung wie im Schlusssatz verkraftet man im 21. Jahrhundert nicht ganz so leicht.. .
Musik ganz nach dem Interesse von Harnoncourt. Dvorak setzt die zehn Sätze auf einprägsame rhetorische Motive auf, die in alle Richtungenverarbeitet, modifiziert, aber auch hartnäckig wiederholt werden. Scheinbar Weiches verwandelt sich in schmerzende Attacke. Eine Herausforderung diesmal für den Arnold Schoenberg Chor, für die Tenöre etwa, die zuBeginn das "Stabat Mater" so lyrisch herauszustellenhaben.Oder für den Frauenchor, der die beruhigende Antwort gibt auf den Bass-Solisten, der vom brennenden Herzen singt und vom schweren Blech untermalt wird. Die Kontrastekommen in Harnoncourts Interpretation anschaulich heraus.
Ein Glücksfall die Solisten: Luba Orgonásová bringt ihren Sopran auch im Pianissimo leuchtkräftig überdie Rampe. Elisabeth Kulmann (Mezzosopran) übermittelt auch das Dramatische wohl gefasst, ohne jedes Vibrato. Der Tenor Saimir Pirgu hat einen großen Moment, wenn er "Fac me vere tecum flere" mit berückender Schlichtheit fasst. Ruben Drole (Bass) bewährt sich im engen Kontakt mit den Bläsern.
Die Mutter und der Sohn am Kreuz: eine Zuspitzung des "Styriarte"-Themas "Familienmenschen". Oft ist Musik heuer von Rezitation begleitet, und da hat man Harnoncourt bereits am Sonntag in einer anderen Rolle erleben können: als Vater Mozart, lesend aus Briefen.
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