
Salzburg. Geldforderungen aus Salzburg - das kennt man ja zur Genüge. In der Vorwoche kamen sie jedoch einmal nicht von der Festivalleitung, die chronisch ums Budget kämpft. "Armut abschaffen!", stand auf den Flugzetteln, die ein kleines Protestgrüppchen an der Pferdeschwemme verteilte. - Nun ja, dieser Wille wird geschehen: Bis September ist Armut in Salzburg ohnehin so gut wie abgeschafft, zumindest in der Altstadt.
Jener Wille, der hier am sichtbarsten geschieht, gehört freilich Alexander Pereira. Der Festspielbetrieb des Neointendanten harrt ja nicht der offiziellen Eröffnung (27. Juli), sondern schießt bereits seit Freitag mit geistlicher Musik aus allen Rohren. Dabei trägt nicht nur dieser Festivalvorposten Pereiras persönliche Handschrift, sondern auch die Wahl des Eröffnungsstücks. Zum Start der "Ouverture spirituelle" ließ der Festivalschöpfer Haydns "Schöpfung" ertönen - ein Werk, das eine Urahnin Pereiras mitfinanziert hat.
Zweifellos, auch ihr Nachfahre weiß Großes zu ermöglichen. John Eliot Gardiner, in den Vorjahren ein seltener Gast, dirigiert die biblische Schöpfungsgeschichte originalklingend mit gehöriger Lust am Extrem. Da kann es zwar irritieren, dass sich das anfängliche "Chaos" als orchestraler Stop-and-Go-Verkehr erweist, dass wüste Tempi mitunter für Chorjodler sorgen. Die mutwilligen Momente aber - sie sind gewissermaßen nur die Späne beim Herbeihobeln des Außergewöhnlichen. Haydns musikalische Porträts, vom zartflockigen Schnee bis zum derben Gewürm, sind mit Händen zu greifen. Und die Fugen transparent wie selten: Der feinmetallisierte Sound der English Baroque Soloists, die platzige Pauke und ein sphärischer Chor fügen sich zu einem Klangrelief von unerhörter Prägnanz. Einnehmend auch Sopranistin Lucy Crowe, vor allem als gurrendes Täubchen. Der Tenor von James Gilchrist fließt weichsüß wie Karamell; Vuyani Mlinde leistet als Bass Solides. Und das Publikum? Es bescherte dem Start von Pereiras Expansionsfestival vollen Applaus - ließ im Großen Festspielhaus aber auch merkliche Lücken klaffen.
Zerschmetternde Schönheit
Deutlich voller, weil auch kleiner der nächste Abendtreffpunkt: Die Kollegienkirche in der Innenstadt. Wobei sich im barocken Sakralbau nicht nur das spirituelle Moment eher herausstellte. Was sich auf Papier unspektakulär liest - ein Abend mit englischer A-Cappella-Musik des 16. Jahrhunderts -, gerät zur Überwältigung: Der hallspendende Raum erweist sich als perfektes Gehäuse für Gardiners Monteverdi-Choir, den man wegen überirdischen Schönklangs eigentlich sofort heiligsprechen müsste. Wie er die verschlungenen Stimmführungen eines William Byrd oder Thomas Tallis glänzen lässt, wie er spannungsvoll auf- und abebbt, feine Harmonieschattierungen auskostet - das ist von fast zerschmetternder Schönheit.
Kontrastprogramm: Die "Yellow Lounge" am späten Abend im nahen Lokal Republic - zwar nicht Bestandteil des Festivals, doch dem Salzburger Eröffnungsfest für die breite Bevölkerung angegliedert, deren jüngere Vertreter man hier für die Klassik ködern will. Dementsprechend entstößt sich Tenor Michael Schade dann nicht nur honigsüße bis heroische Töne, sondern auch Worte wie "geil" und "cool" in der Moderation.
Stimmt zwar: Für geilcoole Hintergrundprojektionen bräuchte man eigentlich mehr als Sponsorenlogos, die im öden Reigen flimmern. Und ob die Hälfte des Saals nicht ohnehin aus Klassikfans besteht, die zum Nulltarif-Michael-Schade strömten, wäre auch eine Frage. Gleichwohl: Gesungen hat er erhebend. Und in bierglasklirrender Umgebung war auch das ein Ausnahmeereignis.
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