Dass die Lautstärke diesmal über jener aus einem handelsüblichen Kofferradio liegt, ist zu begrüßen - allerdings hat das auch seinen Preis. Das Popfest Wien ist vor der altehrwürdigen Hochkultur kuschen gegangen. Nach Problemen mit dem Musikverein hat man sich heuer dazu entschlossen, den Laufsteg des heimischen Pop in den Juli zu verlegen. Manche sagen vorlesungsfreie Zeit, andere Sommerurlaub dazu.
Kulturstadtrat Mailath-Pokorny schließt sich an und bleibt dem von der Stadt Wien subventionierten Remmidemmi heuer fern.
Das Publikum tat es ihm am Eröffnungstag aber nicht gleich und sorgte dafür, dass es vor der Seebühne am Karlsplatz wieder gesellig wurde. Das gratis zu erlebende Popfest zieht auch eine austauschbedürftige Partycrowd an, für die Musik als nebensächlichste Sache der Welt bestimmt wichtig ist, sollte der Gesprächsstoff wieder einmal ausgehen.
Breiter Popbegriff
The Beth Edges, vier Jungmänner und ihr Indie-Rock, kämpften gegen das Unrecht. Mit grundsoliden und dabei auf den Dancefloor schielenden Genre-Hommagen klang das ebenso professionell wie international, in gleicher Form aber bereits erschöpfend oft gehört. Attwenger, die als Groove-Dialektiker für Musik einstehen, die so nur hierzulande gemacht werden kann, kontrastierten ihre Vorband mindestens maximal. Mit einer nur als oberösterreichisch zu bezeichnenden Arbeitshaltung ("Sogs eam, owa ned mia!") kündete bereits der behäbige Groove von "Ani" davon, ehe mit zünftigem Gstanzl-Gesang mehr Schwung in die Sache kam. Im Hintergrund pluckerten die Beats aus dem Laptop, während Attwenger im Schlussteil bewiesen, dass ein Medley nicht peinlich sein muss.
Zumindest am Donnerstag wurde der Popbegriff von Robert Rotifer, der das Popfest heuer zum letzten Mal kuratiert, aber bis an die Schmerzgrenze ausgedehnt. Immerhin ging es mit den türkischen Volksliedern Alp Boras sowie vor allem der vom Jazz und der Balkanfolklore her kommenden Fatima Spar und ihren Freedom Fries bald auch um Allerweltsmusik. Dixieland-Tröten und Trichtergesänge standen ebenso auf dem Programm wie zackige Balkanmotivik mit Akkordeon und angejazztem Kontrabass, Cabaret-Zwischenspiele und tanzbarer Swing.
Sehr gut war das kurze Set der Salzburgerin Mel, die ihre mit Americana-Unterton aufgeladenen Bedroom-Balladen vom Balkon des Wien Museum sang, vielversprechend die mit kräftiger New-Wave-Zickigkeit unterfütterte Erstvorstellung von Welle Wien. Mit Konzerten und Podiumsdiskussionen dauert das Popfest noch bis Sonntag: Stopfet das Sommerloch!
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