• vom 30.07.2012, 17:27 Uhr

Konzert

Update: 30.07.2012, 17:42 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (30)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Glaube, Sex und Discodancing

Madonna in Wien: Gang Bang im Orden


Von Andreas Rauschal

Madonna überfrachtet ihre Show mehr denn je mit Bedeutung, die ihren Songs künstlerisch fehlt.apa - © APA/HERBERT P. OCZERET

Madonna überfrachtet ihre Show mehr denn je mit Bedeutung, die ihren Songs künstlerisch fehlt.apa © APA/HERBERT P. OCZERET

Es beginnt mit einem Shitstorm von hoch droben am Rang. Weil sich US-Popsuperstar Madonna ("Time goes by - so slowly!") wieder einmal mehr Zeit lässt, als dem Publikum lieb sein kann, wird es im mit 30.000 Besuchern unterbesetzten Wiener Ernst-Happel-Stadion bald ungemütlich. Buuh! Buhuu! In wenigen Stunden schon geht es wieder ab ins Büro.

Werbung

Als Madonna die Bühne um 22:05 Uhr doch noch betritt, herrscht zunächst Staunen über das vorderreihig ausgegebene Rauchverbot. Immerhin wird von der Decke ein mannshoher Weihrauchkessel geschwungen, aus dem es nebelt wie sonst nur bei Teerarbeiten im Auftrag der ASFINAG. Domglocken bimmeln. Eine Armada in feuerroten Kutten gehüllter Mönche vom Orden zum heiligen Gang Bang wachelt den Weihrauch nach Rom. Inmitten der im Hintergrund errichteten Kathedrale eröffnet Madonna das Konzert von einem Beichtstuhl herab. "Oh my God, I am heartily sorry for having offended thee!"

Es geht jetzt vor allem um eines: Worum um Teufels Namen geht es hier überhaupt? Bei aller Opulenz dieser zwischen Stanley Kubricks Orgien-Mysterienspiele in "Eyes Wide Shut" oder einem durchschnittlichen Konklave im Vatikan angesiedelten Bilder könnte man es beinahe vergessen. Madonna will im eröffnenden "Girl Gone Wild", das sich etwas plump bei Cyndi Lauper bedient ("Girls they just wanna have some fun!") nichts anderes als ein bisschen Discotanzen gehen mit den Mädels.

Nur so eine These, während die Mönche ihre Kutten öffnen und mit blanken Oberkörpern durch das zum Gay-Club umfunktionierte Gotteshaus tanzen: Passend zum künstlerisch weitgehend wertlosen aktuellen Album "MDNA" muss Madonna ihre Show mehr denn je mit Bedeutung überfrachten, um von den substanzlos zwischen Kaugummipop und Electrogeböller pendelnden Songs abzulenken, mit denen die Frau aktuell nicht mehr viel zu sagen hat. Das Tolle daran: Je sinnentleerter es auf der Bühne zugeht, desto mehr Spaß macht das Unterfangen allerdings auch.

Lang lebe die NRA!
Nahtlos an die Kirchenszene anknüpfend, hagelt es Munition auf der Leinwand, um dem alten Lied von der Kanone als phallischstem Symbol nach dem Kirchturm keine neue Facette hinzuzufügen: "My love’s a revolver / My sex is a killer / Do you wanna die happy?"

Vom bei Madonna schon immer zentralen kleinen Tod geht es zum tatsächlichen Endspiel. Wie gesponsert von der National Rifle Association läuft die Frau zu "Gang Bang" mit einem Maschinengewehr in der Schusshand als Göttin des Gemetzels über die Bühne. Das Schützenfest, ihren Boyfriend endlich durchsieben zu dürfen, führt zwar zu über die Bühnenlänge projizierten Bildern von in der Blutsuppe schwimmender Hirnmasse, während ein strammer Vierviertelbeat sich im Post-Ostblock-Techno von 1991 übt. Allerdings: Wer sonst, wenn nicht Madonna, könnte besser geeignet sein, wenig später in einer mit Michael-Jackson-Gedenk-Pathos befeuerten Brandrede gegen den Zynismus unserer Zeit und für den Weltfrieden einzutreten? "It’s your job to bring the light, to make the world a better place!"

Ein Video-Interlude schneidet Kindersoldaten, den Papst und Hakenkreuze hintereinander, während unter dem Motto "Neonlicht für die Welt" immer wieder Auszeiten im Clubbinghimmel genommen werden. Vom apokalyptischen Anfang geht es über schmusende Pärchen vor Pop-Art-Visuals und mit Madonna als ewiger Cheerleaderin um Realitätsflucht. Anstelle einer Best-of-Sause setzt es dazu teils radikal neu interpretierte Songs wie etwa das von Samba-Geratter und M.I.A.-Elektronik getragene "Give Me All Your Luvin‘". Für ein tatsächliches Happy End entfesselt Madonna während einer melodramatischen Klavierversion von "Like A Virgin" sinnbildlich den weiblichen Körper - "No Fear", steht auf ihrem Rücken geschrieben, während sie uns den Popsch plakativ unter die Nase reibt -, ehe nach einer Hare-Krishna-Version von "I’m A Sinner" und "Like A Prayer" mit Gospelchor am Ende vor allem Fragen übrig bleiben. Nur eine Vorahnung der dabei besungenen Erlösung stellt sich nach zwei Stunden ein. Halleluja!




Schlagwörter

Pop-Konzert, Musikkritik, Madonna

1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-30 16:02:06
Letzte Änderung am 2012-07-30 17:42:11



Werbung



Beliebte Inhalte



Jon Bon Jovi stand glücklich im Regen. - APAweb/Herbert Pfarrhofer
  • Pollen konnten dem Sänger diesmal nichts anhaben.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Selbst Wagner-Marken tendieren zur (Über-)Größe . . . - Foto: epa/Jan Woitas
  • Als Titan verehrt und selbst dem Größenwahn verfallen, war Richard Wagner indes, wie schon Friedrich Nietzsche feststellte...
  • weiter

Wettbüros sehen Dänemarks Emmelie de Forest mit ihrem Song "Only Teardrops" in der Favoritenrolle. - APAweb / Reuters
  • Teilnehmer aus der skandinavischen Region und dem Osten haben größte Siegchancen
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Natalia Kelly will es in Malmö "shinen" lassen. - APAweb / EPA, Janerik Henriksson Malmö/Wien. Natalia Kelly, Österreichs Vertreterin beim Song Contest 2013 in Malmö, ist ein unbeschriebenes Blatt...weiter

 Natalia Kelly sang. - EPA/Janerik Henriksson
  • Österreichs Beitrag von Natalia Kelly konnte Europa mit ihrem Song "Shine" nicht überzeugen.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Elena Zhidkova (Venus) und Daniel Frank (Tannhäuser) in der umstrittenen Inszenierung von "Tannhäuser" in Düsseldorf. - Hans Jörg Michel / Deutsche Oper am Rhein
  • Empörung bei vielen Zuschauern.
  • weiter



The xx aus London brachten ihren intim-reduzierten Popentwurf erstmals nach Wien

Schwarz ist Trumpf

Intimität und wirtschaftliches Songwriting: The xx aus London begeisterten im Gasometer. - epa Die Band auf der Bühne darf getrost als Ausnahmeerscheinung bezeichnet werden. Zwar mochten The xx aus London mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum im... weiter




Die Pop- und Avant-Dings-Spezialisten The Residents live im Wiener Burgtheater

Konzeptkunst nach Dewey

Randy Rose und seine enigmatische US-Band The Residents (hier in Prag) bespielten das Wiener Burgtheater. - Vondrous/CTK/picturedesk Die Fans mit den strahlenden Augen in den ersten drei Reihen sind davon überzeugt, dass sich das Burgtheater heute schon zur Halbzeit leeren wird... weiter




Die US-Ausnahmeband Shellac gastiert am 19. Mai in der Arena Wien

Gnadenlos konsequent

201510shellac - Touch and Go Konsequenz: Wenn ein einziges Wort gibt, das die US-Band Shellac beschreiben kann, dann dieses.  Denn Shellac sind konsequente Musiker in Takt... weiter




Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

18. 5. 2013: Ein lesbisches Paar in Myanmar: Der "Internationale Tag gegen Homophobie" geriet weltweit zu einem bunten und eindringlichen Protest gegen Diskriminierung. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung