Es beginnt mit einem Shitstorm von hoch droben am Rang. Weil sich US-Popsuperstar Madonna ("Time goes by - so slowly!") wieder einmal mehr Zeit lässt, als dem Publikum lieb sein kann, wird es im mit 30.000 Besuchern unterbesetzten Wiener Ernst-Happel-Stadion bald ungemütlich. Buuh! Buhuu! In wenigen Stunden schon geht es wieder ab ins Büro.
Als Madonna die Bühne um 22:05 Uhr doch noch betritt, herrscht zunächst Staunen über das vorderreihig ausgegebene Rauchverbot. Immerhin wird von der Decke ein mannshoher Weihrauchkessel geschwungen, aus dem es nebelt wie sonst nur bei Teerarbeiten im Auftrag der ASFINAG. Domglocken bimmeln. Eine Armada in feuerroten Kutten gehüllter Mönche vom Orden zum heiligen Gang Bang wachelt den Weihrauch nach Rom. Inmitten der im Hintergrund errichteten Kathedrale eröffnet Madonna das Konzert von einem Beichtstuhl herab. "Oh my God, I am heartily sorry for having offended thee!"
Es geht jetzt vor allem um eines: Worum um Teufels Namen geht es hier überhaupt? Bei aller Opulenz dieser zwischen Stanley Kubricks Orgien-Mysterienspiele in "Eyes Wide Shut" oder einem durchschnittlichen Konklave im Vatikan angesiedelten Bilder könnte man es beinahe vergessen. Madonna will im eröffnenden "Girl Gone Wild", das sich etwas plump bei Cyndi Lauper bedient ("Girls they just wanna have some fun!") nichts anderes als ein bisschen Discotanzen gehen mit den Mädels.
Nur so eine These, während die Mönche ihre Kutten öffnen und mit blanken Oberkörpern durch das zum Gay-Club umfunktionierte Gotteshaus tanzen: Passend zum künstlerisch weitgehend wertlosen aktuellen Album "MDNA" muss Madonna ihre Show mehr denn je mit Bedeutung überfrachten, um von den substanzlos zwischen Kaugummipop und Electrogeböller pendelnden Songs abzulenken, mit denen die Frau aktuell nicht mehr viel zu sagen hat. Das Tolle daran: Je sinnentleerter es auf der Bühne zugeht, desto mehr Spaß macht das Unterfangen allerdings auch.
Lang lebe die NRA!
Nahtlos an die Kirchenszene anknüpfend, hagelt es Munition auf der Leinwand, um dem alten Lied von der Kanone als phallischstem Symbol nach dem Kirchturm keine neue Facette hinzuzufügen: "My loves a revolver / My sex is a killer / Do you wanna die happy?"
Vom bei Madonna schon immer zentralen kleinen Tod geht es zum tatsächlichen Endspiel. Wie gesponsert von der National Rifle Association läuft die Frau zu "Gang Bang" mit einem Maschinengewehr in der Schusshand als Göttin des Gemetzels über die Bühne. Das Schützenfest, ihren Boyfriend endlich durchsieben zu dürfen, führt zwar zu über die Bühnenlänge projizierten Bildern von in der Blutsuppe schwimmender Hirnmasse, während ein strammer Vierviertelbeat sich im Post-Ostblock-Techno von 1991 übt. Allerdings: Wer sonst, wenn nicht Madonna, könnte besser geeignet sein, wenig später in einer mit Michael-Jackson-Gedenk-Pathos befeuerten Brandrede gegen den Zynismus unserer Zeit und für den Weltfrieden einzutreten? "Its your job to bring the light, to make the world a better place!"
Ein Video-Interlude schneidet Kindersoldaten, den Papst und Hakenkreuze hintereinander, während unter dem Motto "Neonlicht für die Welt" immer wieder Auszeiten im Clubbinghimmel genommen werden. Vom apokalyptischen Anfang geht es über schmusende Pärchen vor Pop-Art-Visuals und mit Madonna als ewiger Cheerleaderin um Realitätsflucht. Anstelle einer Best-of-Sause setzt es dazu teils radikal neu interpretierte Songs wie etwa das von Samba-Geratter und M.I.A.-Elektronik getragene "Give Me All Your Luvin". Für ein tatsächliches Happy End entfesselt Madonna während einer melodramatischen Klavierversion von "Like A Virgin" sinnbildlich den weiblichen Körper - "No Fear", steht auf ihrem Rücken geschrieben, während sie uns den Popsch plakativ unter die Nase reibt -, ehe nach einer Hare-Krishna-Version von "Im A Sinner" und "Like A Prayer" mit Gospelchor am Ende vor allem Fragen übrig bleiben. Nur eine Vorahnung der dabei besungenen Erlösung stellt sich nach zwei Stunden ein. Halleluja!
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