
Fans von Bon Iver hören das nicht so gerne, aber: Justin Timberlakes Parodie auf das Herzprojekt von Justin Vernon, sie ist so übel nicht. Vor allem aber kommt sie nicht von ungefähr, manövriert sich der Zausel in Großvaters Anzug dabei doch mit einem eigenen Lied in den Tiefschlaf. Man muss sich die Kunst des Songwriters aus Wisconsin als von der Gipfelruh der hiesigen Wälder entsprechend entspannt vorstellen.
Im Alter von 31 Jahren steht Vernon damit an der Speerspitze des zeitgenössischen Folk. Sein in der Abgeschiedenheit einer Jagdhütte eingespieltes Debütalbum "For Emma, Forever Ago" und dessen Reduzierung auf zart angeschlagene Lagerfeuergitarren und prototypisch geschichtete Falsettgesänge traf den Nerv unserer Zeit ebenso wie der dicht ausinstrumentierte Zweitling: Rückzug, Einkehr, Bodenhaftung und ein dicker Batzen Gefühl bestimmen das Geschehen.
Mehr Dynamik
Zuzüglich der so auch von Coldplay erhältlichen Schmeichel-Harmonik sind Bon Iver so sehr Konsens, dass sich, im Gegensatz zu langgedienten Genre-Helden wie Bill Callahan oder Will Oldham, gleich auch zwei Grammys ausgingen - und Justin Vernon das Open-Air-Areal der Wiener Arena heute auch unüblicher Kartenpreise von 40 Euro zum Trotz ausverkauft. Getragen vom Sterbeszenenpathos seiner auch aus dem OP-Raum von "Greys Anatomy" bekannten Lieder erwies sich am Mittwoch allerdings: durchaus zu Recht.
Unterstützt von seiner achtköpfigen Band untermauerte der Mann mit der Kopfstimme seinen neuen Hang zur Opulenz und auch die dadurch gewonnene Möglichkeit, für mehr Dynamik zu sorgen. Zeitweiliger Sitzkonzertwünsche zum Trotz wurde vor allem ein Hang zum Ausbruch offensichtlich, wobei das Kollektiv das Betulich-Stille in bester Post-Rock-Manier zwischendurch zu mittleren Wirbelstürmen aufschaukelte. Am augenscheinlichsten kam dieser Ansatz bei "Creature Fear" zur Geltung, das sich nach einem Beginn als zart aus den Fellen gewischter Sperrstundenwalzer mit kakophonischem Donner entlud.
Greinende Streicher sowie eine Bläsergruppe sorgten hörbar für Akzente. Vor allem Colin Stetson befeuerte die hymnischen Momente Bon Ivers über seine Live-Erfahrung bei Arcade Fire, während er als nebenberuflicher Experimental-Saxofonist zu vom Free-Jazz kommenden Einsprengseln neigte. Vernon selbst sorgte mit den üppigen Auto-Tune-Schichtungen des auch von Kanye West gesampelten "Woods" für einen ästhetischen Bruch im Gospel 2.0, ehe "Skinny Love" oder "For Emma" zum Kuscheln zurück an den Kamin luden. Hier hat Justin Vernon als Meister seiner Zunft ein Zuhause gefunden. Nur der an Phil Collins angelehnte Schmafu von "Beth/Rest" blieb unverzeihlich.
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