
Mit Metaphern kann sich eine Frau, die sich Lady Gaga nennt, nicht aufhalten. Deswegen nimmt der Popstar den Titel seiner Show "Born this Way Ball" auch so wörtlich wie möglich. Und gebiert sich zu Beginn des Konzerts selbst. Aus einer aufblasbaren Vagina. Die sich per Zippverschluss öffnet. Und aussieht, wie ein gigantisches Brathendl mit Netzstrümpfen. Es gibt da diesen leisen Verdacht, dass Lady Gaga mehr Humor hat, als man der mitunter verbissen wirkenden Kunstfigur zutraut. Nicht nur dieser bizarre Moment untermauerte den Verdacht am Samstag in der Wiener Stadthalle.
Fetischpornohorror-Trashmärchen unterm Regenbogen
Als eine Art Selbstliebe-Motivations-Oper hat Lady Gaga ihre Tour konzipiert. Die aktuelle Weltheldin des Self-Empowerments aller gutsortierten Außenseiter kommt als Retterfigur auf die Erde, um sich erst mit "Inspiration" aus allen Ländern aufzuladen und dann als "Eure Popsängerin" auf der Welt einzumarschieren. Ja, so unausgegoren, wie das hier klingt, ist es auch. Was aber an der Kurzweiligkeit der Show nicht viel ändert. Es soll einem Publikum nichts Schlimmeres passieren, als dass es einem Popstar zu öde ist, seine Hits dröge aneinander zu reihen. Dann doch lieber ein irrlichterndes Fetischpornohorror-Sciencefiction-Trashmärchen vor einem Regenbogen-Schloss.

Kostümwechsel: Vom Flitter-Alien zum SM-Burgfräulein
Dabei wechselt die Gaga nicht nur die Rollen vom Flitter-Alien zum SM-Burgfräulein, sondern auch die Kostüme gar rasch. Sie trägt futuristische Kleider, für die viele Gummihandschuhe ihr Leben gelassen haben müssen und Brautkleider auf Rollen (es gibt schließlich einen Catwalk ins Publikum, der muss sich rentieren). Sie fährt in der Gesellschaft von Plastik-Schweinehälften im gemäßigten Steakskandal-Kleid ihre Runden. Sie widmet sich weiter der Frage: "Heißt die Kopfbedeckung Kopfbedeckung, weil sie echt den ganzen Kopf bedeckt?" und erweitert das geläufige Helmspektrum um das Visier mit geklöppelter Spitze und den Stachel-Aufbau. Schließlich vermählt sie sich, ganz nach Fasson des Menschmaschinenfetisch, mit einem Motorrad. Und wird dann noch bestiegen. Aber das führt jetzt hier doch zu weit.
Anders als Madonna: Kein Wort zu Pussy Riot
Zur Homosexuellen-Hymne "Alejandro" trägt sie einen BH mit erigierten Maschinengewehr-Nippeln. Ein Phänomen des heurigen Großkonzert-Sommers: Obwohl Lady Gaga von einem "gloriösen Frieden" träumt, kann auch sie, wie Madonna bei ihrer aktuellen Tour, nicht vom Gewehrwacheln lassen. Während allerdings Madonna sich auch am Samstag wieder für die verurteilten Sängerinnen von Pussy Riot stark machte, verlor Lady Gaga im Rahmen des Konzerts in Wien kein Wort darüber.
Die Gaga hält sich nicht mit Petitessen der Tagespolitik auf, sie hat den größeren Horizont im Auge: So nahm die Priesterin der Selbstakzeptanz ihren Jüngern das Versprechen ab, "eine Skulptur im eigenen Museum zu sein". Bisschen steif und bisschen blutleer ist so etwas halt. Wer zu viele Banalitäten predigt, der läuft Gefahr, dass die Kirchenbänke leer bleiben. So sollte Lady Gaga vielleicht zu denken geben, dass der Jubel bei ihren alten Hits von "Pokerface" über "Bad Romance" (inlusive berühmtem Krümmkrallengruß) bis "Just Dance" deutlich größer war als bei den motivationsseminar-überfrachteten Songs des aktuellen Albums. Außer bei "Edge of Glory", das sie als Zugabe brachte und mit dem sie im Kimono einen veritablen Udo-Jürgens-Moment hatte.
Lady Gaga inszeniert sich als Popstar mit Draht zu seinen Fans, den sie nicht zuletzt über Twitter glühen lässt. Auch bei ihrem Konzert kam die Interaktion mit dem Plebs nicht zu kurz – gefühlt jeder vierte Stehplatzbesucher wurde kurzentschlossen backstage geladen, sie nahm munter Geschenke entgegen und scheute sich nicht , sich von solchen für einen Teil der Show das durchkomponierte Outfit entstellen zu lassen. Ein sympathischer Zug in Zeiten der an Spontaneität krankenden Formatkonzerte.
Am Ende marschierte die Gaga dann wirklich ein. Michael Jackson hätte ihr sicher vor Stolz eine Ehrenfantasieuniform verpasst. Der Einmarsch erfolgte ausgerechnet zu den Klängen eines Songs im eigentümlichen Fakedeutsch (mit Zeilen wie "Ich schleiban austubiklär"). Also Lady Gaga eroberte die Welt mit "Scheiße". Wie gesagt, es besteht der Verdacht, dass die Gaga mehr Humor hat, als gedacht. Dann wäre das formidable Ironie. Hoffentlich.
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