Festival-Eröffnung im Grafenegger Wolkenturm, da sollte es traditionellerweise regnen. Nicht bei der sechsten Ausgabe des Musik- Festivals, die von einem strahlenden Sommerabend entriert wurde. Wahrscheinlich traute sich nicht einmal der eine oder andere Wettergott, dem Oratorium aller klassischen Oratorien zu trotzen. Haydns "Schöpfung" nimmt mit unerhörter Vielfalt, mit präromantischer Klangmalerei seit Anbeginn ihrer Aufführungsgeschichte eine besondere Rolle ein. Das verlangte auch in Niederösterreichs Vorzeigerahmen nach besten Kräften. Den Auftakt machte eine - wie passend - biblische Fanfare des diesjährigen Composers in Residence, Ian McMillan. "They Saw The Stone Had Been Rolled Away" berichtete in eindringlichen Pauken und Trompeten-Rufen vom Wunder der Auferstehung Christi.
Von Engeln und Erzählern
Zurück zum Anfang, zum Licht, zu den sieben Tagen: Ian Bostridge und Gerald Finley ließen ihre bewährten Erzählerstimmen nur so klingen, mit Camilla Tilling stand ihnen eine höchst souveräne, kurzfristig eingesprungene Engelsstimme (oder halt Eva, je nach Bibelstelle) zur Seite. Tillings Sopran schwang mit dem gut einstudierten Arnold Schoenberg Chor im Lobpreisen um die Wette.
Dirigent Claus Peter Flor und den Tonkünstlern gelang schon das Eröffnungschaos verletzlich, wenn auch intonationstechnisch bisweilen gewöhnungsbedürftig. Diese Aufführung lebte von der Plastizität der Klanggruppen, das wurde etwa in Uriels "Sonnenarie" (der Schöpfung vierter Tag) deutlich. Bostridges Himmelsglanz erschien anfangs recht beiläufig und versetzte von Takt zu Takt gerade durch die Bescheidenheit in Staunen. Oder Erzengel Raphaels (Finley) Schilderung der Tierwelt (Tag sechs). Der Löwe brüllte, der Tiger sprang, Rinder weideten, Würmer krochen - hier wurde das Wort lebendig. Viel Applaus, gefolgt vom obligatorischen Gewitter.
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