Konzerte von Patti Smith sind immer auch Totenmessen. Am ausverkauften Open-Air-Areal der Arena darf man sich davon überzeugen, wenn die 65-Jährige einen Song für Maria Schneider anstimmt oder beim Blick in den Himmel an Neil Armstrong denken muss, dessen Seele auf großer Raumfahrt nun durch den Orbit bummelt. Vor allem aber ihrem ewigen Freund Christoph Schlingensief wird mit "Beneath The Southern Cross" ein Denkmal gebaut, dem Smith ein beschwörendes "Cross over, boy!" eingraviert, um dem Tod wenig später den Schrecken zu nehmen: "Ghost Dance", der esoterischste Song ihres Werks, haucht den Geistern der Verstorbenen als schamanisches Mantra neues Leben ein.
Wer könnte es ihr verdenken? Immerhin gilt Patti Smith nicht nur deshalb als Kämpferin, weil sie ab den späten 60er-Jahren gegen die sogenannte gesellschaftliche Norm von New York aus einen selbstverständlich-selbstbestimmten Typus Frau im Rock n Roll salonfähig machte. Nach bis heute in Stein gemeißelten, ihr Wissen um Bob Dylan entsprechend literaturaffin und um Punk erweiternden Alben wie "Horses" oder "Easter", der Springsteen-Adaption "Because The Night" und einer neunjährigen Auszeit für die Familie hatte die Frau schließlich auch den Tod ihres Ehemannes sowie jenen ihres Lebensmenschen Robert Mapplethorpe zu verkraften. Nicht erst seither geht es bei Patti Smith darum, Widrigkeiten mit dem Mittelfinger zu begegnen.
Wir sind viele
Das führte zwangsläufig zu politischen Zwischentönen. Songs wie die Mittellosengeschichte "Free Money" erweisen sich gerade in Finanzkrisenzeiten als brandaktuell. Eine flammende Rede gegen staatliche Repression sowie für Religionsfreiheit und Pussy Riot stößt dabei in die gleiche Kerbe wie das als Durchhalteparole und Marschbefehl gereichte "People Have The Power". "The future is now!", sagt Patti Smith, und: "You are the future!" - wir sind viele und gemeinsam noch mehr.
Musikalisch geht es mit einem soliden Best-of-Set und Material aus dem aktuellen Album "Banga" erstaunlich ruhig zu. Auf "Fuji-San" im Altherrenrock-Modus folgen der gemächliche Radiopop von "April Fool", der lyrische Walzer "Maria" sowie zurückgelehnte Versionen von "Pissing In A River" oder "Redondo Beach", während Langzeitgitarrist Lenny Kaye ein Medley anstimmt und Patti Smith, barfuß am Boden sitzend, der Menge zuwinkt.
Mit einer stürmischen Version von "Rock N Roll Nigger" bricht das Feuer, das Smith am Leben erhält, aber erst am Ende auch musikalisch voll aus. Wie auch das Lebenswerk dieser großen Frau beweist: Es ist mitunter ein Kampf, aber er lohnt sich.
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