Nach der Party kommt das Kopfweh. Übertragen auf das Leben als solches, ist nach einer Phase des Wohlseins verlässlich mit Drama zu rechnen, ehe alles wieder gut werden kann. Nach der Ebbe herrscht Flut, die Hochdruckphase wird mit einem Donnerwetter beendet und auf sieben fette Jahre folgen sieben magere. Beflissener als Christa Kummer oder der Papst erzählt davon nur George Michael. Schließlich führte die Karriere des britischen Superstars nach dem Yuppie-Pop seiner Band Wham! und deren vom kolumbianischen Puderzucker befeuerten Tanzabenden im Club Tropicana hin zum gehobenen Liedermachertum im Zeichen des Melodrams.
Biografisch machte der Sänger ab Ende der 90er-Jahre mit der Suche nach Sexualpartnern in öffentlichen Toiletten, erhöhtem Spaßzigaretten-Missbrauch und der daraus resultierenden Kollision seines Autos mit einem Schaufenster auf sich aufmerksam. Man durfte Bubendummheit dazu sagen oder Midlife Crisis. Mit der kurzfristigen Absage seines Wien-Auftritts im Vorjahr wurde es aber ernst - der mit einer Lungenentzündung ins AKH eingelieferte Sänger rang drei Wochen lang mit dem Tod. Zum Dank an seine Lebensretter bekam das Krankenhaus 1000 Freikarten für die beiden Tour-Wiederaufnahmetermine in der Wiener Stadthalle geschenkt.
Dramatischer Schmelz
Zugunsten eines der üblichen Konzertreisen-Routine verpflichteten Abends, dessen Drama auf die gebotenen Songs alleine zurückging, warteten 6500 Besucher am Dienstag dabei vergebens auf die in Aussicht gestellte Überraschung.
Entgegen anderer Popstars im Spätstadium ihrer Karriere, die als künstlerische Neuerfindung verkaufte Orchestertouren für den Pensionsfonds bestreiten, wirkt George Michael gemeinsam mit seiner 41 Mann starken symphonischen Abordnung allerdings durchaus authentisch.
Unterstützt wird dieser Eindruck von nahe am Original gehaltenen Versionen dramatischer Schmelzballaden wie "You Have Been Loved" oder "Praying For Time", die sich um den Klassikgedanken nicht weiter kümmern und George Michaels noch immer begnadeter Samtstimme ausreichend Spielraum lassen.
Noch hinter dem in die Oper verweisenden Bühnenvorhang eröffnet George Michael den Abend mit "Through", dessen Textzeile "Suddenly the audience is so cruel" bestimmt nichts damit zu tun hat, dass dem Mann heute bereits ein latent anmaßendes Plakat ("Our love saved you - Your music saved us") unter die Nase gehalten wurde.
Warum George Michael vor allem aus seinem 1999 gefloppten Coveralbum "Songs From The Last Century" schöpft, bleibt das Rätsel des Abends. Angeswingte Standards wie "My Baby Just Cares For Me" stehen ebenso am Programm wie der alte Police-Hadern "Roxanne" als schummriger Barhockerjazz, zu dem die Eiswürfel ins Glas klimpern, während die Videowall im Hintergrund auf den Straßenstrich oder in einschlägige holländische Laufhäuser speanzelt.
Party zum Schluss
"Brother, Can You Spare Me A Dime?" aus den Zeiten der großen Depression im Amerika der 1930er-Jahre wird mit Beserlschlagzeug und Klavier für überteuerte Designhotels neu arrangiert, ehe sich das Orchester als Big Band später noch nach Las Vegas bewegt und Erinnerungen an Frank Sinatra bis James Bond wach werden lässt.
Mit "Wild Is The Wind" geht es zurück ans Licht. Zu mehr Groove beantwortet der erstaunlich agile Held des Abends mit flottem Hüftschwung eine Frage gleich selbst: "Doesnt it feel great to be alive?"
Dank eines akustischen Medleys, das an George Michaels Kernkompetenzen in Sachen Discodancing erinnert, und "Feeling Good" als Dankeschön an seine Lebensretter, pflichtet das wiedererwachte Publikum gegen Ende des zweiten Konzertteils hin doch noch bei.
Seine Annäherung an Rihanna ("Russian Roulette") und der käsige Autotune- R-n-B des New-Order-Covers "True Faith" sind übrigens nur so lange vergessen, bis das Discogeböller der Nahtoderfahrungsnummer "White Light" dem Abend mit freudiger Aufbruchsstimmung schließlich den Garaus macht. Doch keine Frage: Ein Großer kehrt wieder - und ist mit der nächsten Tour dann ganz der alte Hit.
Die Band auf der Bühne darf getrost als Ausnahmeerscheinung bezeichnet werden. Zwar mochten The xx aus London mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum im...
weiter
Die Fans mit den strahlenden Augen in den ersten drei Reihen sind davon überzeugt, dass sich das Burgtheater heute schon zur Halbzeit leeren wird...
weiter
Konsequenz: Wenn ein einziges Wort gibt, das die US-Band Shellac beschreiben kann, dann dieses. Denn Shellac sind konsequente Musiker in Takt...
weiter