• vom 05.09.2012, 15:27 Uhr

Konzert

Update: 12.10.2012, 20:42 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



George Michael, Entertainer aus Leidenschaft, und seine Wiederauferstehung in Wien

Tragödien mit Happy End


Von Andreas Rauschal

George Michael, wiedergenesen bei seinem überraschend unsentimentalen Comeback-Abend. - © EPA

George Michael, wiedergenesen bei seinem überraschend unsentimentalen Comeback-Abend. © EPA

Nach der Party kommt das Kopfweh. Übertragen auf das Leben als solches, ist nach einer Phase des Wohlseins verlässlich mit Drama zu rechnen, ehe alles wieder gut werden kann. Nach der Ebbe herrscht Flut, die Hochdruckphase wird mit einem Donnerwetter beendet und auf sieben fette Jahre folgen sieben magere. Beflissener als Christa Kummer oder der Papst erzählt davon nur George Michael. Schließlich führte die Karriere des britischen Superstars nach dem Yuppie-Pop seiner Band Wham! und deren vom kolumbianischen Puderzucker befeuerten Tanzabenden im Club Tropicana hin zum gehobenen Liedermachertum im Zeichen des Melodrams.

Biografisch machte der Sänger ab Ende der 90er-Jahre mit der Suche nach Sexualpartnern in öffentlichen Toiletten, erhöhtem Spaßzigaretten-Missbrauch und der daraus resultierenden Kollision seines Autos mit einem Schaufenster auf sich aufmerksam. Man durfte Bubendummheit dazu sagen oder Midlife Crisis. Mit der kurzfristigen Absage seines Wien-Auftritts im Vorjahr wurde es aber ernst - der mit einer Lungenentzündung ins AKH eingelieferte Sänger rang drei Wochen lang mit dem Tod. Zum Dank an seine Lebensretter bekam das Krankenhaus 1000 Freikarten für die beiden Tour-Wiederaufnahmetermine in der Wiener Stadthalle geschenkt.

Werbung

Dramatischer Schmelz

Information

Konzert
George Michael: Symphonica
Stadthalle, Wien

Zugunsten eines der üblichen Konzertreisen-Routine verpflichteten Abends, dessen Drama auf die gebotenen Songs alleine zurückging, warteten 6500 Besucher am Dienstag dabei vergebens auf die in Aussicht gestellte Überraschung.

Entgegen anderer Popstars im Spätstadium ihrer Karriere, die als künstlerische Neuerfindung verkaufte Orchestertouren für den Pensionsfonds bestreiten, wirkt George Michael gemeinsam mit seiner 41 Mann starken symphonischen Abordnung allerdings durchaus authentisch.

Unterstützt wird dieser Eindruck von nahe am Original gehaltenen Versionen dramatischer Schmelzballaden wie "You Have Been Loved" oder "Praying For Time", die sich um den Klassikgedanken nicht weiter kümmern und George Michaels noch immer begnadeter Samtstimme ausreichend Spielraum lassen.

Noch hinter dem in die Oper verweisenden Bühnenvorhang eröffnet George Michael den Abend mit "Through", dessen Textzeile "Suddenly the audience is so cruel" bestimmt nichts damit zu tun hat, dass dem Mann heute bereits ein latent anmaßendes Plakat ("Our love saved you - Your music saved us") unter die Nase gehalten wurde.

Warum George Michael vor allem aus seinem 1999 gefloppten Coveralbum "Songs From The Last Century" schöpft, bleibt das Rätsel des Abends. Angeswingte Standards wie "My Baby Just Cares For Me" stehen ebenso am Programm wie der alte Police-Hadern "Roxanne" als schummriger Barhockerjazz, zu dem die Eiswürfel ins Glas klimpern, während die Videowall im Hintergrund auf den Straßenstrich oder in einschlägige holländische Laufhäuser speanzelt.

Party zum Schluss
"Brother, Can You Spare Me A Dime?" aus den Zeiten der großen Depression im Amerika der 1930er-Jahre wird mit Beserlschlagzeug und Klavier für überteuerte Designhotels neu arrangiert, ehe sich das Orchester als Big Band später noch nach Las Vegas bewegt und Erinnerungen an Frank Sinatra bis James Bond wach werden lässt.

Mit "Wild Is The Wind" geht es zurück ans Licht. Zu mehr Groove beantwortet der erstaunlich agile Held des Abends mit flottem Hüftschwung eine Frage gleich selbst: "Doesn’t it feel great to be alive?"

Dank eines akustischen Medleys, das an George Michaels Kernkompetenzen in Sachen Discodancing erinnert, und "Feeling Good" als Dankeschön an seine Lebensretter, pflichtet das wiedererwachte Publikum gegen Ende des zweiten Konzertteils hin doch noch bei.

Seine Annäherung an Rihanna ("Russian Roulette") und der käsige Autotune- R-’n‘-B des New-Order-Covers "True Faith" sind übrigens nur so lange vergessen, bis das Discogeböller der Nahtoderfahrungsnummer "White Light" dem Abend mit freudiger Aufbruchsstimmung schließlich den Garaus macht. Doch keine Frage: Ein Großer kehrt wieder - und ist mit der nächsten Tour dann ganz der alte Hit.


Video auf YouTube





1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-05 15:33:05
Letzte Änderung am 2012-10-12 20:42:22



Werbung



Beliebte Inhalte



Jon Bon Jovi stand glücklich im Regen. - APAweb/Herbert Pfarrhofer
  • Pollen konnten dem Sänger diesmal nichts anhaben.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Gedrosseltes Tempo, gedimmtes Licht: The National mit Sänger Matt Berninger (Mitte). - Foto: Deirdre O’Callaghan
  • "Trouble Will Find Me": Matt Berninger und The National erweisen sich mit ihrem neuen Album einmal mehr als Chronisten einer schattseitigen Gefühlswelt.
  • weiter

Selbst Wagner-Marken tendieren zur (Über-)Größe . . . - Foto: epa/Jan Woitas
  • Als Titan verehrt und selbst dem Größenwahn verfallen, war Richard Wagner indes, wie schon Friedrich Nietzsche feststellte...
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Eine Szene aus der umstrittenen "Tannhäuser"-Inszenierung der Rheinoper (Markus Eiche, linkst, als Wolfram und  Elisabet Strid als Elisabeth). - APAweb / AP, Deutsche Oper am Rhein, Hans Jörg Michel
  • Oper wird nur mehr konzertant aufgeführt.
  • weiter

An den Namen Brosd Koal erinnert man sich noch über die FM4-Sendung "Im Sumpf". Nachdem mit Karl Schwamberger der Motor hinter dem Dialekt-Pop-Projekt...weiter

Natalia Kelly will es in Malmö "shinen" lassen. - APAweb / EPA, Janerik Henriksson Malmö/Wien. Natalia Kelly, Österreichs Vertreterin beim Song Contest 2013 in Malmö, ist ein unbeschriebenes Blatt...weiter



The xx aus London brachten ihren intim-reduzierten Popentwurf erstmals nach Wien

Schwarz ist Trumpf

Intimität und wirtschaftliches Songwriting: The xx aus London begeisterten im Gasometer. - epa Die Band auf der Bühne darf getrost als Ausnahmeerscheinung bezeichnet werden. Zwar mochten The xx aus London mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum im... weiter




Die Pop- und Avant-Dings-Spezialisten The Residents live im Wiener Burgtheater

Konzeptkunst nach Dewey

Randy Rose und seine enigmatische US-Band The Residents (hier in Prag) bespielten das Wiener Burgtheater. - Vondrous/CTK/picturedesk Die Fans mit den strahlenden Augen in den ersten drei Reihen sind davon überzeugt, dass sich das Burgtheater heute schon zur Halbzeit leeren wird... weiter




Die US-Ausnahmeband Shellac gastiert am 19. Mai in der Arena Wien

Gnadenlos konsequent

201510shellac - Touch and Go Konsequenz: Wenn ein einziges Wort gibt, das die US-Band Shellac beschreiben kann, dann dieses.  Denn Shellac sind konsequente Musiker in Takt... weiter




Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

20.5.2013: Ein tibetischer Mönch hält ein Schild neben einem Plakat, das Gedhun Choekyi Nyima, den elften Penchen Lama zeigt, der vom Dalai Lama anerkannt wird. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung