Frédéric Chopin schrieb seine zweimal zwölf Etüden op. 10 beziehungsweise 25 zwischen seinem 19. und 26. Lebensjahr. Auf geniale Weise hat er in ihnen die jeweilige pianistische Problemstellung mit dem musikalischen Ausdrucksgehalt zu vollster Deckung gebracht.
Im Konzertleben begegnet man meist nur einer Auswahl ihrer beliebtesten Stücke. Der renommiert bulgarische Pianist Vesselin Stanev unternahm es jetzt, beide Zyklen in pausenloser Abfolge vollständig zu präsentieren: ein 24-facher Hürdenlauf sozusagen, in technischer wie musikalischer Hinsicht souverän bewältigt.
Moderner Chopin-Interpret
Stanev ist so etwas wie ein moderner Chopin-Interpret. Da ist vom legendären Parfüm der Salons nicht der geringste Hauch zu verspüren. Ohne jede pedalgestützte Vernebelungstaktik, wie sie sonst häufig anzutreffen ist, perlen die Tongirlanden in vollster Klarheit und Trennschärfe darin; mit fulminanter Lockerheit tanzen die Kaskaden der Akkorde, die wuchtigen Oktavengänge. Stanevs Forte ist dabei kraftvoll, doch nicht brutal oder auftrumpfend. Noble Sanglichkeit, speziell auch im mittleren Register des Instruments, widmet er dem berührenden Melos mancher Stücke; das alles auf Basis einer absoluten manuellen Sicherheit.
Trotz der scheinbar übermächtigen Konkurrenz eines Rudolf Buchbinder nebenan im Goldenen Saal zeigte sich der Brahmssaal im Wiener Musikverein auffallend gut besucht; sein Publikum feierte Stanev überaus herzlich.
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