
St. Pölten. Festivals sind die Rache des Kapitalismus an der Popkultur. Zumindest könnte man hierzulande auf diese Idee kommen, während man jährlich im Sommer brachliegende Äcker oder charmefreie Mehrzweckareale durchstreift, die von multinationalen Konzernen mit unbezahlbaren Werbeeinschaltungen austapeziert werden. Irgendwie muss das Geld ja wieder hereinkommen, wenn junge Menschen, wie aktuell am Frequency-Festival in St. Pölten, lieber drei Wochentage lang wach und yippie-yippie-yeah als im Ferialjob die Deppen vom Dienst sein wollen.
Apropos: Ausgerechnet die Weltwirtschaftskrise dürfte nun dafür sorgen, dass alle, die den Mopedführerschein noch erwarten, bald reifere Nachbarn neben sich stehen haben könnten. Immerhin zwingen die Gagen auch alte Helden auf sogenannte Musikevents, für die sie vor zehn Jahren nicht einmal aufgestanden wären. Weil sich dieser Umstand aber entweder noch nicht herumgesprochen hat oder die Frustrationstoleranz einer Generation Vierzig-plus spätestens in St. Pölten an ihre Grenzen stößt, spielt Bob Mould am frühen Donnerstagabend bloß vor geschätzten 50 Besuchern und einer Handvoll restlos begeisterter Musikjournalisten.
Nachkriegskünstler
Die Hüsker-Dü-Legende reicht mit "Copper Blue" vor allem aus dem Debütalbum ihrer Band Sugar, das die Energie und die Härte des Hardcore Anfang der 90er Jahre ebenso wie spätere Soloalben in melodieselige Rocksongs überführte. Mould, dessen im Oktober erscheinendes neues Material sich ebenso nahtlos ins Set einfügt wie das zum Abschluss an Hüsker-Dü-Tage erinnernde "Makes No Sense At All", im besten Wissen darum, im Line-up die Kategorie "Nachkriegskünstler erinnern sich" zu bespielen: "Was
anybody alive back in 1992 around here except me?"
Wilco-Mastermind Jeff Tweedy hingegen bekommt es mit einem Publikum zu tun, das sich seine Band auch nur antut, um für Placebo, die sich als Headliner nach nur einem Song krankheitsbedingt auch schon wieder verabschieden werden, erste Reihe fußfrei zu stehen. "Are you guys Placebo fans? You are really sweet!" - "W" wie "Wer?" und "Wilco?" sorgt auch hier für eine unwürdige Massenabwanderung, die einer Minderheit viel Raum für den Höhepunkt des Tages lässt. Schließlich führt das Arbeitsmotto der Band, zunächst einmal für sich selbst zu spielen, verlässlich zu einem Konzert des Jahres.
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