Saalfelden. Wenn ein goldverpacktes Wesen in einer Naturidylle glänzt, muss das nicht unbedingt der Osterhase eines Schweizer Chocolatiers sein. Im Ausnahmefall kann man es auch mit einem Menschen zu tun haben; einem Herrn, der weniger Schleckermäulchen als größere Ohren beglückt: einem Jazz-Heroen namens Pharoah Sanders. Den trieb es jüngst ins idyllische Städtchen Saalfelden, wo er am Sonntag das Jazzfestival beendete. Dabei ließ der ergraute Querkopf auf der Bühne des Kongresshauses nicht nur eine güldene Garderobe leuchten, sondern auch druckvolle Fontänen aus dem Saxofon. Ja, der einstige Coltrane-Eleve ist weiterhin ein wackerer Schamane des spirituellen Energiequells Jazz - auch wenn man zugeben muss, dass die Hauptenergiequelle des Abends eher der Kornett-Kapazunder Rob Mazurek war und die Perkussion beizeiten nach soundoptimierter Siebziger-Disco klang.

Konzept mit Fusionsenergie
Lob mit Vorbehalten - das lässt sich über alle drei Hauptbühnen-Tage streuen. Seit 2004 ersinnen Mario Steidl und Michaela Mayer das Programm; ihre Sound-Ästhetik erreicht allmählich den Wiedererkennungswert eines Logos. Schön, dass hier Individualisten aufspielen, die aus jazzkonservativer Sicht des Wahnsinns knusprige Beute sind. Schön auch, dass neben alten Avantgardisten vor allem frische Jazzkonzepte auf der Fahndungsliste der Intendanz stehen. Fraglich nur, ob die erwünschte Erneuerung so sehr auf die Fusionsenergie von Rock und Freejazz angewiesen ist, wie es das Programm weismacht.
Die diesbezüglichen Ergebnisse sind auch eher zwiespältig. Einerseits Tim Berne: Sein Saxofonsound schwirrt wie ein lichttrunkenes Insekt um die Heavy-Metal-Ekstasen des Trios BB&C. Andererseits Martin Philadelphy: Der heimische E-Gitarrist liefert eine Konzertstunde zwischen Liedermacherei und grobem Polter-Rock ohne Innovationswert.
Die Macht des Feinen
Könnten die Botschafter jazziger Innovation nicht auch Jazz-Vokalisten sein oder schillernde Klangfarben ferner Kulturen? Sie bleiben vorerst fern.
Trotzdem: Es kommt nicht von Ungefähr, dass sich selbst ein Vertreter des legendären "Downbeat Magazine" über den großen Teich bemüht. Rabatz ohne Kommerz-Kompromiss! Diese Losung fällt umso mehr auf, wenn jemand so kitschsüß aus der Reihe tanzt wie Jenny Scheinman auf der Honiggeige. Wo steckt eigentlich die Jazzpolizei, wenn man sie braucht? Dafür schmeißt dann das Quintett der US-Gitarristin Mary Halvorson umso hantiger mit Stilbruch-Stücken um sich.
Das Eindrucksvolle, es kann sich hier beizeiten aber auch subtil mitteilen. Side A, ein Trio rund um Ken Vandermark, ist so eine Macht des Feinen. Krause Linien enthuschen dem Horn des Amerikaners; mit Schlagzeug-Beserln wirkt das wie eine verschmitzte Bebop-Abstraktion. Freilich: Nichts gegen die mächtigen Grooves, die der Bass-Grande Henri Texier am Freitag fluten lässt. Auch seinen Filius Sébastien hat er an Bord: einen trefflichen Altsaxofonisten, der in Freejazz-Ausflügen abgeht wie das sprichwörtliche Zäpfchen.
Der Samstag war auf andere große Namen fokussiert: Muhal Richard Abrams, Henry Threadgill, Roscoe Mitchell ... Allesamt Heroen der US-Avantgarde, einst Mitglieder in Abrams Experimental Band. Für Saalfelden hat der 81-Jährige die Ex-Eleven noch einmal zusammengetrommelt, und auch neue Musik geschrieben, so hieß es jedenfalls. Zwar handelte es sich wohl nur um wenige Passagen - denn das Gros war eine lange Kette von Solo- und Duoübungen in der Disziplin Freejazz, die die Welt seit Dezennien kennt.
Dennoch: Die Kraft, den Augenblick mit tönender Bedeutung aufzuladen, mit Notturno-Feinem bis Kreisch-Intensivem, hat dieses Nonett bis heute nicht verlassen. Und so beschert diese Konzertstunde dann auch im positiven Sinne ein lebendiges Museum. Ein Konzert, über dessen Gegenwarts-Wert hernach trotzdem hitzig diskutiert wird. Doch was kann einem Festival Besseres passieren?
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