
Die Aura des mysteriösen Mädchens hat Tanita Tikaram schon vor zig Jahren abgelegt, trotzdem bleibt die britische Künstlerin vielen noch so in Erinnerung wie sie einst ihre Karriere begann. Damals, im fernen 1988, war die in Deutschland geborene Musikerin mit schwermütigen Songs wie "Twist In My Sobriety" oder "Cathedral Song" durchgestartet. Dunkle Gewänder, Videos in Schwarz-Weiß beziehungsweise Sepia-Braun und eine nicht zu übersehende Schüchternheit bei öffentlichen Auftritten prägten die mediale Wahrnehmung.
Seitdem sind zwar 24 Jahre vergangen, doch hat Tikaram zuletzt nur alle sieben Jahre eine Platte herausgebracht. Auf die geradezu laszive CD "The Cappuccino Songs" (1998) folgte 2005 das akustische Werk "Sentimental". Nun ist heuer das Album "Can’t Go Back" an der Reihe, das soeben erschienen ist. Und auch diese ist eine durchwegs freudvolle Platte, die melancholischen Untertönen wenig Raum lässt.
"Ich liebe das Leben zu sehr, um so hart zu arbeiten, wie ich eigentlich sollte", erläutert sie augenzwinkernd die langen Schaffenspausen im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Songs für das neue Album hatte sie schon längst fertig, doch sie wusste zunächst nicht, was sie mit ihnen anfangen sollte. "Bevor man eine Platte macht, muss man die große Entscheidung treffen, in welche Richtung man gehen will. Und zu Beginn hatte ich keine Ahnung, welche Richtung ich einschlagen sollte. Zunächst dachte ich an eine elektronische Platte, da die Songs viel Groove besitzen. Ich hatte ein paar Fehlstarts, das Einzige, das ich wusste, war, dass ich es in einem amerikanischen Ambiente mit amerikanischen Musikern aufnehmen wollte. Es endete dann mit Paul Bryan als Produzenten. Aber bis dahin schien es eine unendliche Zeit zu dauern", so Tikaram.
Wie eine echte Band
Die Arbeit in Los Angeles stellte sich als besonders gelungen heraus. Bryan, der unter anderem mit Künstlern wie Aimee Mann und Grant-Lee Phillips zusammengearbeitet hatte, stellte eine feine Gruppe an Musikern zusammen. Neben Schlagzeuger Jay Bellerose (Solomon Burke, Suzanne Vega, Joe Henry) und Tikarams Langzeit-Gitarrist Mark Creswell fand sich auch noch Keefus Ciancia (Steve Earle, Jakob Dylan) an den Keyboards ein. "Ich glaube, dass der Sound mich diesmal nicht übertönt. Es ist gelungen, eine Balance zwischen mir und den Musikern zu finden. Wir haben einen gemeinsamen Klang geschaffen mit eben diesem starken Einfluss amerikanischer Musik. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich fremde Kleider trage. In der Vergangenheit hatte ich vielleicht nicht diese starke Persönlichkeit, um eine gelungene musikalische Verbindung einzugehen. Diesmal klingen wir wie eine echte Band", ist die Britin zufrieden.
Neben den klassischen Instrumenten brachten Ryan und Ciancia auch seltene Exemplare wie ein Mellotron und ein Chamberlin zum Erklingen. Der Grund dafür, so Tikaram, war, dass man keine echten Streicher verwenden wollte. Moderne Synthesizer haben allerdings einen zu kalten Klang. "Auf diesen Geräten sind Samples von alten Klängen, etwa von englischen Kirchen. Sie haben einen warmen, charakteristischen Sound, der für mich etwas Evokatives, fast schon Cinemascopeartiges an sich hat", erklärt sie.
Die Platte wurde in wenigen Tagen in Live-Sessions aufgenommen. Für Tikaram zwar kein neues Erlebnis, auch die Aufnahmen zu "Sentimental" erfolgten auf ähnliche Art, allerdings war es doch einzigartig. "Der Sound war gleich vorhanden. Das ist nicht selbstverständlich. Es ist ein befreiendes Gefühl, wenn man sich nicht auf die vielen Details konzentrieren muss, sondern gleich loslegen kann. Häufig bekommt man nicht den Sound, den man will, auch wenn man live spielt."
Bei ihren zwei Auftritten in Österreich (Wien, Porgy & Bess, 21. Dezember - Velden, 20. Dezember) wird sie allerdings nicht auf die hochkarätige Truppe zurückgreifen können. "Das wäre viel zu teuer, sorry", lacht sie auf. "Nein, wir treten als Trio auf, aber es wird nett, mit eigenem Charakter".
Für ihre Platte hatte Produzent Bryan aber eine Überraschung bereit. Grant-Lee Phillips, der charismatische US-Singer/Songwriter, der auch in der TV-Serie "Gilmore Girls" als Stadt-Troubadour auftrat, kam vorbei und nahm mit Tikaram ein Duett ("Keep It Real") auf. "Es war Paul Bryans Idee. Ich wusste, dass er eine großartige Stimme hat. Als er zu singen begann, war es unglaublich. Er hat eine einzigartige, bewegende Stimme. Er ist ein Cowboy auf Schallplatte." Eine Platte mit Duetten kommt für Tikaram nicht in Frage. "Auf dieser Platte passen sie. Weitere Stimmen hinzuzufügen, ist okay, solange es dem Song etwas Spezielles gibt. Und es hat großen Spaß gemacht, es war wie das Casting für einen Film. Man muss die richtige Chemie finden".
Auf der ersten Single des Albums, "Dust On My Shoes", singt Tikaram von der Freiheit. "Ich will wissen, was es heißt, frei zu sein", heißt es da im Text. Ob sie die Antwort darauf gefunden hat? Tikaram ist amüsiert und verstellt die Stimme: "Ja, ich bin der Dalai Lama." Die Künstlerin, die viele noch als schüchtern in Erinnerung haben, überrascht immer wieder mit humorvollen Kommentaren. "Nein", wird sie wieder ernst, "ich weiß nicht, ob irgendjemand wirklich frei ist. Wir leben in einer sehr freien Gesellschaft im Vergleich zu vielen anderen Menschen und ich schätze das".
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