Zwischen den beiden Protagonisten liegt ein Altersunterschied von 31 Jahren. Das ist insofern kein Problem, weil die besser als St. Vincent bekannte US-Musikerin Annie Clark einem Baujahr entstammt (1982), dessen Sprösslinge mit der Elterngeneration keine großen Reibungspunkte mehr haben. Man kleidet sich beiderseits jugendlich, weiß einen iPod zu bedienen und tauscht sich auf Facebook über das Wohlbefinden der jeweiligen Lebensabschnittspartner und ihrer Patchwork-Rasselbanden aus.
Dazu kommt, dass Clarks aktueller Kreativkollege stets neugierig geblieben und ein Bruder im Geiste ist: Der auch von St. Vincent gepflegte Bruch handelsüblicher Songstandards über das Experiment feierte bei David Byrne schon vor dreißig Jahren fröhliche Urständ. Immerhin erklärte der schottische Wahlamerikaner mit seinen Talking Heads nichts weniger als das Avantgardepotenzial großer, in allen Farben schimmernder Popmusik. Von elektronischem Klangwerk und polyrhythmischem Funk getragene Alben wie "Remain In Light" klingen noch heute modern.
Da Byrnes Stockerlplatz in den Pop-Annalen bereits 1981 fixiert war, durfte der Mann in seiner Solokarriere später auch machen, was er wollte. St. Vincent wiederum demonstrierte auf erst drei Alben und noch ohne Meilenstein (aber mit zahlreichen Genieblitzen), wie grundschöne Melodien mit akustischem Sperrfeuer und ästhetisch harten Cuts zusammengehen. Gemeinsamkeiten waren entsprechend rasch ausgemacht, als sich die beiden 2008 erstmals trafen.
Blasmusik statt Laptop-Verhackertes
Mit zehn im Verbund geschriebenen Songs (und je einem Solo-Beitrag) ist "Love This Giant" auch vollkommen auf Augenhöhe entstanden, wobei die Stoßrichtung auf St. Vincents Idee zurückgeht, anstelle einer Band Holz- und Blechbläser zu engagieren. Diese klingen dem Funk Byrnes ebenso verpflichtet, wie sie an große Orchester oder die örtliche Blasmusikkapelle erinnern, wenn sie nach einer Laptop-Kur nicht gerade zerhackt-modern aus den Boxen tröten.
Die Zugänglichkeit des vorab ausgekoppelten Radiosongs "Who" wird dabei selten erreicht. Die beiden Artverwandten legen es bisweilen "arty" genug an, um das Album auch über mehrere Hördurchgänge hinweg spannend zu halten. Hübsch groovende Bässe treffen auf elektronische Beats und tatsächliches Schlagzeug - dazu erhebt das gemischte Doppel seine Stimme meist abwechselnd, manchmal in Interaktion und selten unisono. Mit "I Am An Ape" oder "I Should Watch TV" hält David Byrne seinen Humor hoch, "Lazarus" tanzt die Polonaise in Richtung Track und mit "The One Who Broke Your Heart" blasen uns die Dap-Kings und das Antibalas Afrobeat Orchestra den Marsch.
Wenn es mit "Outside Of Space & Time" als zärtlichem Wiegenlied nach 45 Minuten zu bald zu Ende geht, ist klar: Da haben sich zwei gesucht - und gefunden.
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