
Wien.Das Fotografierverbot hätte sie sich schenken können: Wer eine Interviewaudienz bei Tori Amos erhascht, begegnet einer freundlichen Amerikanerin mit frischem Teint und jungdamenhafter Optik - als hätte sie Hits wie "Cornflake Girl" nicht schon in den 90er Jahren verbucht. Im Interview spricht die mittlerweile 49-jährige Pianistin und Songwriterin über Feminismus, die US-Wahl, den Islam - und natürlich das neue Album: eine orchestrierte Fassung eigener Lieder aus den vergangenen 20 Jahren, eben erschienen unter dem Titel "Gold Dust" (DG/Mercury).
"Wiener Zeitung":Warum zieht es so viele Rock- und Pop-Sänger irgendwann zum Orchester? Ist es das Prestige der klassischen Musik?
Tori Amos:Man muss das auch strukturell sehen. Es kann eine aufregende Kooperation sein, wenn die eigenen Songstrukturen eine gewisse Komplexität haben. Mit jedem Künstler geht das nicht.
Dann klingt es wie pompöse Beatles-Arrangements aus den 80ern.
Die kenne ich nicht. Ich wurde eingeladen, einen Auftritt mit dem Metropole Orchestra zu spielen. Während der Proben entstand eine neue Energie in meinen Songs; ich denke, weil das Orchester und ich wie Tanzpartner waren. Alexander Buhr von der Deutschen Grammophon (DG) erkannte das als guter Deutscher und sagte: "Warum dokumentieren wir das nicht?"
Sie begannen am Klavier mit klassischem Unterricht. Stimmt es, dass Sie von einem US-Konservatorium flogen, weil Sie eines Tages Rockmusik vorzogen?
Die sagten, die Musik der Beatles sei flüchtig. Ich sagte: "Falsch! Wir müssen diese Strukturen studieren! Denn ich will Komponistin sein, und nicht nur eine Interpretin toter Typen." So krachten wir aneinander. Ich verlor mein Stipendium, war 13, hatte kein Geld. Mein Vater brachte mich dann zu Clubs. Es war eine Schwulenbar, die mir die erste Chance gab. 13 Jahre spielte ich in Lokalen, auch als ich schon Platten aufnahm.
Aber ein Faible für Klassik haben Sie sich erhalten. Auf Ihrem vorigen Album, dem ersten für das legendäre Klassik-Label DG, denken Sie Stücke von Komponisten wie Bach und Schubert auf Ihre Art weiter.
Als Alex für das Projekt auf mich zukam, war das eine Lebensveränderung. Natürlich muss man zu dieser Musik eine Verbindung fühlen, muss üben, studieren. Ich hatte dann wirklich eine Romanze mit allen diesen toten Typen. Das war die einzige Art, ihr Werk zu nehmen, die Lesart einer Frau.
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