Dreißig Jahre Swans - mit einer längeren Unterbrechung von 1997 bis 2010 - müssen gebührend gefeiert werden. Wer könnte das besser, als der monomanische Mastermind der New Yorker Postpunk-Band, Michael Gira, selbst? Nachdem er vor zwei Jahren mit "My Father Will Guide Me up a Rope to the Sky" sein Lieblingsprojekt auf bemerkenswerte Weise wiederauferstehen ließ, legt die Band in diesem Jahr gleich mit zwei Doppel-CDs nachhaltig nach. So viel Sendungsbewusstsein abgründiger Seelenpein will erst einmal verdaut werden.

"We Rose From Your Bed With The Sun in Our Head" wurde während der letzten Swans-Tournee 2010/11 in Melbourne, Berlin und New York aufgenommen. Das Album beginnt mit einer zwanzigminütigen Version von "No Words/No Thoughts", das den Hörer direkt in die Hölle peitscht. Gira gibt eine exquisite Kostprobe seiner Marter, die sich mit Indus-trial- und Drone-Klängen in den Körper einhämmern. Neben drei weiteren Songs der letzten CD überrascht das Album aber vor allem mit Endzeit-Versionen von "Beautiful Child" und "Sex God Sex" vom Klassiker "Children of God" (1987) und "Your Property" und "I crawled" von den EPs "Cop" bzw. "Young God" (1984).
Dazu haben Swans mit einem Ausschnitt aus "The Seer", "The Apostate" und der Kakophonie "93 Ave. B Blues" auf das kommende Album vorhören lassen, womit die Klammer von 30 Jahren fast geschlossen wäre. Die Auswahl ist in ihrer Dissonanz und Brachialität stimmig. Das Album ist eine mehr als düstere Reise in luziferischen Gefilden, wobei dem Dichter nicht wie einst Dante ein Begleiter à la Virgil zur Seite steht, um ihn durch das Labyrinth der Torturen zu führen. Die im Titel des Albums genannte Sonne wirkt hier eher wie ein Fegefeuer, aus dem der Hörer - gerade wegen der Spielfreude der Musiker - nach über zwei Stunden geläutert hervorgeht.
Nicht minder umfangreich ist "The Seer", das nach dem Live-Exzess jedoch beinahe erholsam wirkt. Hier gibt es chorartige Harmonien, Flötenklänge, Violin- und Celloeinlagen. Selbst für ein knisterndes Feuer ist gesorgt ("A Piece of the Sky"). Eine Reihe von Gastmusikern bereichert das Album, wie etwa das Mormonenehepaar Alan Sparhawk und Mimi Parker (Low) bei "Lunacy" und Karen O. (Yeah Yeah Yeahs) bei "Song for a Warrior". Auch Jarboe, Giras langjährige Weggefährtin bis 1997, steuert ihre Stimme bei.
"Erholung" ist aber angesichts eines Swans-Albums freilich eine fast schon blasphemische Äußerung. Der Sound ist im Vergleich zum Vorgänger vielschichtiger und differenzierter geworden, was etwas zu Lasten der eruptiven, aber auch melodiösen Direktheit geht. Gira kokettiert nach wie vor mit religiöser Symbolik, als ginge es ihm um eine posttheologische Offenbarung, die nur durch Soundwälle erreicht werden kann.
Im Zentrum des Albums steht wie ein Monolith das dreißigminütige Titelstück, das die den Swans eigene Monotonie gewiss auf die Spitze treibt. Bei "The Daughter Brings the Water" klingt die Band dann folkartig wie noch vor wenigen Jahren Angels of Light. Am Ende aber wird mit "The Apostate" alles wieder wunderbar apokalyptisch.
"The Seer" ist eine Herausforderung, die aber im Vergleich zu "We Rose" eher an einen Spaziergang in einer unwirtlichen Landschaft erinnert. Trotz aller musikalischen Ausgefeiltheit blitzt das psychotische Moment, das dem Swanssound etwas Beängstigendes verleiht, hier nur selten auf.
Dafür dominieren an vielen Stellen versöhnliche Klänge, gerade bei jenen Songs, die nach der Tour im Studio entstanden sind. "The Seer" bleibt gleichwohl wegen seines Facettenreichtums eine großartige Erfahrung: Das Album ist radikal und ausufernd. Swans hätten sich und ihren Hörern (man möchte fast hinzufügen: auch der übrigen Musikwelt) kaum ein besseres Geschenk machen können.
Auf der kommenden Tour wird den Besucher allerdings wieder die Hölle erwarten. Hinuntersteigen ins Feuer kann man etwa in Wien am 28. November in der Arena.
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