
"Ein unbeschriebenes Blatt Papier, mochte es auch noch so klein sein, blieb für ihn stets eine Herausforderung." So erklärt Hunter Davies das Verhältnis des Sängers, Komponisten und Autors John Lennon zum Schreiben und legitimiert zugleich die Veröffentlichung von dessen privater Korrespondenz.
Dass der Künstler Lennon einen recht gewandten Umgang mit dem Wort pflegte, der teils bittere, sehr häufig sarkastische, manchmal auch durchaus lebensfrohe An- und Einsichten zeitigte, weiß man aus seinen Songtexten und seinen zwei Büchern, den Kurzgeschichten-Bänden "In His On Write" ("In seiner eigenen Schreibe", 1964) und "A Spaniard In The Works" ("Ein Spanier macht noch keinen Sommer", 1965). Daher scheint es nur allzu logisch, den Menschen John Lennon anhand seiner Briefe zu ergründen zu versuchen.
Die Frage ist, warum das nicht schon früher geschehen ist als jetzt zu seinem 72. Geburtstag und 32 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod. Die Antwort: Lennons Witwe Yoko Ono, ohne die in Sachen Nachlass gar nichts geht, gab nicht früher ihren Sanktus. Vor zwei Jahren aber erklärte sie sich mit dem Projekt einverstanden, und Davies, autorisierter Biograf der Beatles, aber auch akklamiert für sein Fußball-Buch "The Glory Game", machte sich in aller Welt auf die Suche nach schriftlichen Spuren jenes Beatles, den die Fama als den intellektuell versiertesten verehrt.
Autogramme und Fragebögen
Bei seinen Fundstücken steckte Davies den Rahmen bewusst großzügig ab: Selbst Autogrammkarten, ausgefüllte Fragebögen und schriftliche Anweisungen an Hausangestellte fanden Berücksichtigung - mit Recht, wie sich zeigt, denn auch solche schriftliche Zeugnisse dokumentieren Facetten von Lennons Lebens- und Gedankenwelt.
Das Versprechen, Aufschluss über die Persönlichkeit John Lennons zu geben, können die "John Lennon Letters" natürlich nur bruchstückhaft einlösen. Da Lennon ganz genau um die Grenzen wusste, was er in Briefen wem auch immer anvertrauen konnte, bleiben bestimmte heikle Fakten hier ausgespart: etwa die schweren Depressionen, die ihn während seiner letzten Lebensjahre wiederholt heimsuchten. Oder dass es in seiner Ehe mit Yoko längst nicht immer so harmonisch lief, wie es das Paar nach außen hin darzustellen trachtete. Dass Lennon solche Dinge gegenüber seinen Verwandten in England und Schottland - zu dieser Zeit die Hauptadressaten seiner Post - unter Verschluss hielt, ist auch verständlich: Er wollte sich als Mann darstellen, der sein Leben im Griff hat, und nicht als das, was seine Erzieherin Tante Mimi in ihm sah: "Ein Idiot, der Glück gehabt hat".
Liebe und Hassliebe
Lennon verzierte seine Briefe gerne mit recht lustigen, comicartigen Zeichnungen. Selbst Autogrammkarten fügte er eine Zeichnung und/oder persönliche Bemerkung an. Die originalen Abschriften der Briefe - anfangs hand-, später maschinengefertigt und oft nur schwer zu lesen - sind im Buch zu den (leidlichen) Übersetzungen abgebildet. Autor Davies hielt sich bei ihrer Anordnung weitgehend an die Chronologie; zusätzlich strukturiert er das Buch durch Themenblöcke: Johns Kindheit bei Tante Mimi, die Gründung der Beatles, Beatlemania, das schiffbrüchige Abenteuer einer eigenen Plattenfirma (Apple), Yoko, Ende der Beatles, Umzug nach New York, Kampf um die US-Aufenthaltsgenehmigung, politischer Aktivismus, Geburt von Sean, eremitische Hausmann-Existenz im Dakota Building.
Über diese Phasen hinweg - bzw. durch sie hindurch - ziehen sich aber immer wiederkehrende inhaltliche Motive: Lennons Verhältnis zu seiner ersten Ehefrau Cynthia und ihren gemeinsamen Sohn Julian; seine Hassliebe zu seinem Songwriting-Partner Paul McCartney; der Kontakt zur Verwandtschaft in England und Schottland.
Besonders widersprüchlich ist sein Verhalten zu Cynthia: In den frühen Briefen aus der Prä-Beatles-Phase hat er die aus "besseren Verhältnissen" stammende Kunststudentin noch mit tiefen Liebesschwüren eingedeckt - nachdem er die Künstlerin Yoko Ono kennengelernt hat, zeigt er ihr nur noch die kalte Schulter (die Ehe sei schon lange vorher tot gewesen, behauptet er in einem Brief). Seinen Vaterpflichten gegenüber Julian versucht er hauptsächlich durch Postkarten nachzukommen. Es dämmert ihm selbst, dass das zu wenig ist. Bei Sean, der 1975 am genau gleichen Tag wie er selbst (9. Oktober) auf die Welt kommt, schwört er, er werde es besser machen. Deswegen wird er Hausmann.
Der Konflikt mit Paul McCartney eskaliert im Laufe des Apple-Debakels. Von da an bleibt nur noch verbrannte Erde. Ein mittlerweile als "John-Tirade" bekannter, zwei Seiten langer Brief an McCartney und seine Frau Linda aus dem Jahr 1971, der allerdings nie bei seinen Adressaten angekommen sein dürfte und mehrmals bei Versteigerungen um riesige Summen den Besitzer gewechselt hat, zeigt das ganze Ausmaß seiner Wut. Später schreibt Lennon einem Fan, er habe McCartney für ein Cover-Foto enthaupten wollen, doch dieser habe nicht mitgemacht. Der Beatle, mit dem Lennon nach dem Split offensichtlich das herzlichste Verhältnis verbindet, ist interessanterweise Ringo Starr: der "Dummi" am Schlagzeug, der gemeinhin als sein genauer Antipol gesehen wird.
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