
Wien. Als Arbeitsmotto ist es dem Mann mindestens heilig, aus jedem Song eine mögliche Single und aus jeder möglichen Single möglichst auch einen Hit zu machen - was für den gemeinen Formatradiohörer wiederum bedeutet: So schnell man sich eine Melodie ausderFedervonMichael Holbrook Penniman Jr. alias Mika auch eingefangen hat, man wird sie nicht so bald wieder abschütteln können. Hooklines springen unserem Wirtskörper immer auch über die Silben La, Le und Lu nachsingbar entgegen und machen es sich hinten im Gehörgang gemütlich.
Der für die akustische Reizverarbeitung zuständige auditive Cortex wird somit geflutet. Um den dort arrangierten, mit Ententanz und imitiertem Discodancing im Unterhaltungsprogramm durchgeplanten Kindergeburtstag nicht in Gefahr zu bringen, betten Freddie Mercury, Elton John und ABBA quietschbunte Schwimmmatratzen auf die Schallwellen. Alle hüpfen und springen zu Mikas Radikalfalsett ausgelassen durch die Gegend, während im Kontrollraum nebenan das Forschungsteam ADHS von Krankenhaus untersucht, wie sehr die Zielgruppe im Kopf Lady Gaga wird.
Rache durch Erfolg
Unglaublich, aber erschütternd, dass Mika mit diesem nach einem Gemisch aus Obers und Crème fraîche schmeckenden Rezept, das sich, in Musik übersetzt, in etwa anhört, wie rosarote Dämmerungswolken mit Harfe spielenden Engeln oder eiffelturmhohe Hochzeitstorten mit Haribo-Goldbeeren als Brautpaar oben drauf aussehen, bei den Plattenfirmen anfangs kein Glück hatte. Weil eine davon weniger Ecken und mehr Robbie Williams in den Liedern verlangte, nahm Mika nach erfolgreicher Vertragsunterzeichnung bei der Konkurrenz nicht nur mit dem Welthit "Grace Kelly" augenzwinkernd Rache - vor allem die 5,7 Millionen Einheiten seines De-bütalbums"LifeInCartoonMotion", die seit 2007 über den Ladentisch gingen, sorgten in den Führungsetagen der "Leider nein"-Konzerne für kollektive Depressionen.
Streben nach Liederlichkeit
Unser Held allerdings wurde zum finanzstarken Penniman sowie vom Außenseiter zum eigentümlichen Star. Geboren in Beirut, aufgewachsen und von den Schulkollegen gehänselt und verprügelt in Paris und London, stand seinen Weltumarmungshymnen bald das Streben nach Freiheit, Gleichheit und Liederlichkeit auf der Stirn. Alles darf, nichts muss, wir sind alle eine große Familie - und machen gemeinsam Rambazamba. Schlachtruf: Schlechte Laune, Leid und die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen sind als Antriebsmotor mindestens überschätzt. Warum also die Mundwinkel nach unten ziehen, wenn es über die Druckwelle der Euphorie wesentlich lustiger vorwärtsgeht?
Nach dem 2009 veröffentlichten "The Boy Who Knew Too Much" ist Mika mit "The Origin Of Love" somit auch schon bei Album Nummer drei angelangt. Den lose eingestreuten, als erwachsen-reflektiert zu bezeichnenden Fragestellungen zum Trotz ist die Stoßrichtung im Wesentlichen die gleiche geblieben. Songtitel wie "Celebrate", bei dem Mika gemeinsam mit Pharrell Williams sowie unter Produktions- und Schreibhilfe Nick Littlemores (Pnau, Empire Of The Sun!) an den Groove eines George Michael anknüpft, um ihn mit French-House-Sounds und aus der Schule von Daft Punk stammenden Space-Rock-Gitarren in den Orbit zu schießen, spricht ebenso dafür wie der RTL-II-Seher-Pop von "Stardust", der hymnisch durch die Großraumdisco böllert. Aber auch "Make You Happy", bei dem eine Roboterstimme ihre Gefühle entdeckt, die LMFAO-"Adaption" "Emily" oder das quengelig-böse "Love You When Im Drunk" und seine Dosentrompeten stammen aus dieser Ecke.
Mit dem innigen "Heroes" hingegen zieht Drama auf, der Folkpop von "Kids" hält sich an Beck fest, und bei "Lola" will sich Mika im zwischenzeitlichen Prince-Gedächtnis-Gesang und näher an Fleetwood Mac das Herz von einer Amour fou für immer nie brechen lassen. Das klingt übrigens auch in den besten Momenten (man höre etwa das Titelstück) so zuckrig, dass am Ende alle begeistert sind. Allerdings ist das wohlige Mika-Hören auch ein wenig wie FPÖ-Wählen: Am Ende will es wieder niemand gewesen sein.
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