• vom 17.10.2012, 17:15 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 24.10.2012, 11:45 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Richard Hawley, Crooner aus Sheffield, gab das erste Österreichkonzert seiner Karriere

Der Stahlstadtromantiker


Von Andreas Rauschal

Im Rockabilly-Gedenk-Outfit und mit der entsprechend über die Stirn frisierten Schmalzlocke wirkt Richard Hawley auf der Bühne bereits wie jene angenehm aus der Zeit gefallene Erscheinung, auf die seine Musik knapp zehn Jahre und sechseinhalb Alben lang schließen ließ - immerhin beschwor der 1967 in Sheffield geborene Songwriter seine Rolle als Edelcrooner vordergründig über die musikalischen Nachwehen der 1960er Jahre.

Ein Triumph: Sänger und Songwriter Richard Hawley und sein verspätetes Wien-Debüt.

Ein Triumph: Sänger und Songwriter Richard Hawley und sein verspätetes Wien-Debüt.© EPA Ein Triumph: Sänger und Songwriter Richard Hawley und sein verspätetes Wien-Debüt.© EPA

Vor allem auch die harmonieselig arrangierten, inhaltlich aber auf Götterdämmerung und den Privatkonkurs emotionaler Haushalte gepolten Tragödien, wie man sie von Scott Walker vor seiner Avantgardewerdung oder Roy Orbison und dessen Schmelzballaden ("In Dreams") her kennt, wurden von Hawley auf Alben wie "Coles Corner", "Lady’s Bridge" und dem zuletzt recht düsteren "Truelove’s Gutter" fortgesetzt und wahlweise dicht ausinstrumentiert oder mit großer Liebe zur Aussparung auf die Atmosphären dazwischen entschlackt.

Werbung

Kritischer Blick
"The Nights Are Cold", "No Way Home", "I Sleep Alone", aber auch "Baby, You’re My Light" und "Love Of My Life": Zwischen dem Leid des einsamen Wolfes, der vom harten Pflaster der Stahlstadt aus traurig den Mond anheult, und dem Bekenntnis zum "Wir" als ewigem Errettungsanker blieb kein Zweifel an Hawleys romantischer Ader, die einen zynischen Blick auf die Welt immer ausschloss.

Allerdings erwies sich der Mann, der bereits als Gitarrist bei Jarvis Cockers Inselrock-Institution Pulp aushalf, die Soulsavers als Gaststimme bereicherte oder zum Gelderwerb Sessionmusiker bei den All Saints oder Songlieferant für Robbie Williams wurde, auf seinem aktuellen Album "Standing At The Sky’s Edge" auch als genauer Beobachter und kritischer Geist. Passend zur sozialrealistisch zwischen Armut, Hoffnungslosigkeit und bald auch dem Kriminal angesiedelten Erzählung über den Sheffielder Stadtteil "Sky’s Edge", mit der Hawley am Dienstag sein spätes Österreichdebüt im Theater Akzent eröffnete, wurde auch die musikalische Gangart verschärft. Richard Hawley und seine Viermannband unter Starkstrom, das hat es noch nicht gegeben.

Im Konzert bedeutet das weit ausufernde und nicht zu knapp psychedelische Instrumentalpassagen, bei denen sich Hawley als Gitarrenarbeiter mit Hang zu hallverhangenen Schwurbelsoli und Feedbackschleifen bestens gefällt. Es bedeutet mit dem die letzten Dinge verhandelnden "Leave Your Body Behind You" eine druckvolle Rückkehr zum Britpop, die dem elegant Hawleyhaften nichts anhaben kann, und mit dem forsch polternden "Down In The Woods" schließlich einen Ritt über jenen Acker, der auch von Mark Lanegan und seinem Bluesrock bewirtschaftet wird.

Mit "Tonight The Streets Are Ours" wird es kurzfristig euphorisch und inklusive vom Band kommender Kastagnetten wieder 1960, mit "Hotel Room" als Sperrstundenwalzer nach Johnny Cash und L’Amour-Hatscher für hungrige Herzen abends, halb zehn im Hotel. Unisono mit dem Bass führt bei "Open Up Your Door" Hawleys Bariton durch einen Crashkurs in Sachen "Balzgesänge des Männchens", ehe die Meisterschaft des 45-Jährigen neben "The Ocean" vor allem noch von zwei Liedern erklärt wird.

Die (dunkle) Pracht von "Soldier On", dem spärlich arrangierten Kammerdrama aus 2009, kann am Ende nur mehr von Hawleys zärtlichem Suchtsong "Remorse Code" geschlagen werden. Freudentränen und Tränen der Rührung als gemeinsamer Sturzbach - ein Ereignis!


Video auf YouTube





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-17 17:20:10
Letzte Änderung am 2012-10-24 11:45:54


Werbung




The Thermals: Desperate Ground

2002 lernten sich der Sänger und Gitarrist Hutch Harris und die Bassistin Kathy Foster kennen und gründeten die (um Westin Glass am Schlagzeug... weiter




Vampire Weekend: Modern Vampires Of The City

Selten ist die prätentiös-exquisite musikalische Manier dieses New Yorker Quartetts treffender beschrieben worden als kürzlich von Max Scharnigg in... weiter




Neues von The National

Lichtscheue Schönheit

Gedrosseltes Tempo, gedimmtes Licht: The National mit Sänger Matt Berninger (Mitte). - Foto: Deirdre O’Callaghan Matt Berninger ist ein Mann, der seinen Bühnendienst gerne regungslos-stoisch versieht - zumindest so lange, bis die Musik auf- und ausbricht und der... weiter



Jahreswertung der WZ-Musikkritiker

Die besten Pop & Jazz - Alben 2012

Wieder ganz oben am Siegertreppchen: die Vier von Grizzly Bear. - Foto: Archiv Andere Herkunftssprachen als Englisch kamen für die "extra"-Popkritiker heuer kaum in Frage, wie vor allem die Gesamtwertung zeigt... weiter



Quiz


Beliebte Inhalte



Irmgard Vilsmaier (l.) als "Brünnhilde" und Caroline Melzer als "Sieglinde" während einer Probe für "Der Ring der Nibelungen" - APAweb/HERBERT PFARRHOFER Ein Entkommen gibt es nicht, schon gar nicht für Veranstalter: Ein jedes Opernhaus, so scheint’s, steht im 200...weiter

Vor dem wahnwitzigen Gemetzel: "Galizien" als sentimental-groteskes Antikriegsstück. - Thomas Aurin
  • "Die Glembays", "Galizien" und "Agonie" von Miroslav Krlea.
  • weiter

Stets extravagant: Sierra (vorne) und Bianca Casady, die als CocoRosie firmieren. - Rodrigo Jardon
  • Interview über die miserable Situation von Frauen, die Vorhersehbarkeit von Pop - und das neue Album "Tales Of A GrassWidow".
  • weiter

"La Vie d’Adèle" ist der große künstlerische Triumph von Cannes 2013. - Festival de Cannes
  • "La Vie d’Adèle" ist der eindeutige Palmen-Favorit.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter





Werbung