Im Rockabilly-Gedenk-Outfit und mit der entsprechend über die Stirn frisierten Schmalzlocke wirkt Richard Hawley auf der Bühne bereits wie jene angenehm aus der Zeit gefallene Erscheinung, auf die seine Musik knapp zehn Jahre und sechseinhalb Alben lang schließen ließ - immerhin beschwor der 1967 in Sheffield geborene Songwriter seine Rolle als Edelcrooner vordergründig über die musikalischen Nachwehen der 1960er Jahre.

Vor allem auch die harmonieselig arrangierten, inhaltlich aber auf Götterdämmerung und den Privatkonkurs emotionaler Haushalte gepolten Tragödien, wie man sie von Scott Walker vor seiner Avantgardewerdung oder Roy Orbison und dessen Schmelzballaden ("In Dreams") her kennt, wurden von Hawley auf Alben wie "Coles Corner", "Ladys Bridge" und dem zuletzt recht düsteren "Trueloves Gutter" fortgesetzt und wahlweise dicht ausinstrumentiert oder mit großer Liebe zur Aussparung auf die Atmosphären dazwischen entschlackt.
Kritischer Blick
"The Nights Are Cold", "No Way Home", "I Sleep Alone", aber auch "Baby, Youre My Light" und "Love Of My Life": Zwischen dem Leid des einsamen Wolfes, der vom harten Pflaster der Stahlstadt aus traurig den Mond anheult, und dem Bekenntnis zum "Wir" als ewigem Errettungsanker blieb kein Zweifel an Hawleys romantischer Ader, die einen zynischen Blick auf die Welt immer ausschloss.
Allerdings erwies sich der Mann, der bereits als Gitarrist bei Jarvis Cockers Inselrock-Institution Pulp aushalf, die Soulsavers als Gaststimme bereicherte oder zum Gelderwerb Sessionmusiker bei den All Saints oder Songlieferant für Robbie Williams wurde, auf seinem aktuellen Album "Standing At The Skys Edge" auch als genauer Beobachter und kritischer Geist. Passend zur sozialrealistisch zwischen Armut, Hoffnungslosigkeit und bald auch dem Kriminal angesiedelten Erzählung über den Sheffielder Stadtteil "Skys Edge", mit der Hawley am Dienstag sein spätes Österreichdebüt im Theater Akzent eröffnete, wurde auch die musikalische Gangart verschärft. Richard Hawley und seine Viermannband unter Starkstrom, das hat es noch nicht gegeben.
Im Konzert bedeutet das weit ausufernde und nicht zu knapp psychedelische Instrumentalpassagen, bei denen sich Hawley als Gitarrenarbeiter mit Hang zu hallverhangenen Schwurbelsoli und Feedbackschleifen bestens gefällt. Es bedeutet mit dem die letzten Dinge verhandelnden "Leave Your Body Behind You" eine druckvolle Rückkehr zum Britpop, die dem elegant Hawleyhaften nichts anhaben kann, und mit dem forsch polternden "Down In The Woods" schließlich einen Ritt über jenen Acker, der auch von Mark Lanegan und seinem Bluesrock bewirtschaftet wird.
Mit "Tonight The Streets Are Ours" wird es kurzfristig euphorisch und inklusive vom Band kommender Kastagnetten wieder 1960, mit "Hotel Room" als Sperrstundenwalzer nach Johnny Cash und LAmour-Hatscher für hungrige Herzen abends, halb zehn im Hotel. Unisono mit dem Bass führt bei "Open Up Your Door" Hawleys Bariton durch einen Crashkurs in Sachen "Balzgesänge des Männchens", ehe die Meisterschaft des 45-Jährigen neben "The Ocean" vor allem noch von zwei Liedern erklärt wird.
Die (dunkle) Pracht von "Soldier On", dem spärlich arrangierten Kammerdrama aus 2009, kann am Ende nur mehr von Hawleys zärtlichem Suchtsong "Remorse Code" geschlagen werden. Freudentränen und Tränen der Rührung als gemeinsamer Sturzbach - ein Ereignis!
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