Die vier hier vorgestellten Musikerinnen, Multi-Instrumentalistinnen, Sängerinnen und Arrangeurinnen haben Wurzeln in Belgien, der Schweiz und Skandinavien, und sie bieten allesamt ideenreiche Kompositionen und musikalische Ausflüge in Pop, Folk, Jazz und Country. Sie (ver)führen in weit entfernte Regionen, interpretieren Shakespeare-Sonette neu oder geben Einblick in ihre Lebenswelten als Alleinreisende oder Nichttänzerin. Und sie tragen (zumindest am jeweiligen Cover) allesamt hochgeschlossene Kleidung mit Maschen, sofern dies kein Zufall, sondern ein bewusst gesetzter modischer Akzent ist.

Elektronisch verbrämten Pop von hoher Qualität bietet die dänische Sängerin Tina Dico. Mit klarer und sachlicher Stimme und einer soundmäßig "britischen", an Echo and the Bunnymen oder Ju-lian Cope geschulten Band überrascht sie mit sarkastischen Anspielungen in ihren Texten. Ungewohnt schnippisch mutet es an, wenn die Top-Musikerin ihr mangelndes Rhythmusgefühl beim Tanzen beklagt: "I was never much of a dancer" - was sie aber nicht hindert, in ein veritables Disco-Thema zu verfallen, das an Bomb The Bass oder Galliano erinnert.

Auf dem Cover ihres neuen Albums, "Where Did You Go To Dis-appear", ist sie auf Typus Cathé-rine Deneuve gestylt - und auch ihre Musik hat bisweilen etwas Geheimnisvolles und Elegantes an sich, so wie es die Französin seit Jahr und Tag schauspielerisch vermittelt. Das Album enthält zwölf Songs, welche Dico als echte Verführerin in polyrhythmische Klangwelten präsentieren.
Tina Dico: Where Do You Go To Disappear? (Finest Gramophone)
Wer Slidegitarre-Klänge und einprägsamen Gesang bevorzugt, sollte Anteil an Tift Merritts sehnsüchtigen und bisweilen schwermütigen Reiseerinnerungen auf dem Album "Traveling Alone" nehmen. Die skandinavische Singersongwriterin wandelt zwar auf den Spuren der Bluessängerin Bonnie Raitt, ihr Timbre erinnert aber eher an jenes der nordischen ECM-Vokalistinnen, die sich mit Jan Garbarek auf die Suche nach norwegischen Volksliedern begeben haben.
Alle Songs wurden von Merritt selbst komponiert und nach Brooklyn ins Studio transferiert, wo das Album in lediglich acht Aufnahmetagen entstand. Spitzenmusiker wie John Convertino (Calexico) und Marc Ribot (Tom Waits Combo) begleiten die beschaulichen und abwechslungsreichen Songs, die großteils im Country/Western-Genre beheimatet sind.
Tift Merritt: Traveling Alone (Yeproc/Oceanparkmusic)
Die Luzerner Universalkünstlerin Priska Zemp alias Heidi Happy ist in unseren Breiten noch wenig bekannt. Als Qualitätssiegel mag dienen, dass die hervorragende Sängerin mit Yello bereits in Wien auftrat (neben Solos in "Luftbad" und "B 72"). Sie spielte mit der elektronischen Band "Zwicker" und entwickelte sich alsbald zu einem kreativen Fixstern zwischen Folk, Pop und (mehr und mehr) Country weiter, stets auf Englisch singend und von Kommerz wie schalem Volkstums-Zauber gleich weit entfernt.
Das teilweise in Kanada und Brooklyn eingespielte vierte Album der Schweizerin, "On The Hills", entstand in Koproduktion mit dem Multiinstrumentalisten Ephrem Lüchinger. Die Band mit dem bestechenden André Pousaz am Kontrabass überzeugt mit einem breiten musikalischen Spek-trum von tanzbaren Tracks und schwermütigen, mitunter sperrig klingenden Indie-Songs (grandios der Titelhymnus "Canada"). Besonders stimmungsvoll gerät ein vokales Duo mit dem Australier Scott Matthew ("Not Long Ago"), das für Endorphine-Ausschüttung sorgt.
Heidi Happy: On The Hills (Silent Mode/Irascible)
Wer Norma Winstone oder Diana Krall schätzt, wird auch die belgische Sängerin Caroll Vanwelden und ihr neues Album aufmerksam registrieren. Musikalisch setzt die elegante Mutter zweier Kinder auf routinierte Jazzarrangements eines deutschen Trios, die Texte stammen indes von William Shakespeare, dessen Sonette sie schon beim Lesen inspiriert haben.
Hier entsteht eine neue kleine Form, ähnlich den Divertimenti Mozarts. Die Tracks sind dementsprechend kurz, lassen aber Raum für eine eindrucksvolle, stimmliche Interpretation und Dynamik. Vanweldens markanter Gesang und die poetischen Texte des Meisters (oder der Meisterschule) aus Stratford-upon-Avon sorgen für eine absolut hörenswerte Symbiose aus früher Neuzeit und neuzeitlichem Jazz.
Caroll Vanwelden: Sings Shakespeares Sonnets (Jazz n Arts/In-Akustik)
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