• vom 17.04.2013, 18:05 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 19.04.2013, 11:38 Uhr

Klassik

Die Frau in der Kehle




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christoph Irrgeher

  • Über die Faszination des hohen Männergesangs - vom grausamen Kastratenschicksal bis zu Klaus Nomi
  • Von der Magie der Countertenöre - und den Gender-Koketterien im Pop.

Glorie und Grausamkeit: Farinelli (hier ein Bild aus dem gleichnamigen Film von 1994) verzückte das 18. Jahrhundert. 500.000 Kinder sollen damals in Italien kastriert worden sein.

Glorie und Grausamkeit: Farinelli (hier ein Bild aus dem gleichnamigen Film von 1994) verzückte das 18. Jahrhundert. 500.000 Kinder sollen damals in Italien kastriert worden sein.© Jean-Marie Leroy/Sygma/Corbis Glorie und Grausamkeit: Farinelli (hier ein Bild aus dem gleichnamigen Film von 1994) verzückte das 18. Jahrhundert. 500.000 Kinder sollen damals in Italien kastriert worden sein.© Jean-Marie Leroy/Sygma/Corbis

Wo Männer mit Frauenstimme singen, ortet das Publikum gern ein Wunder. Es fällt allerdings auch der Verwunderung anheim. Sind die Besitzer der himmelhohen Stimmen, flüstert man verstohlen, tatsächlich im Vollbesitz ihrer Körperteile? (Ja, sind sie.) Man könnte sich allerdings auch Sinnvolleres fragen. Etwa, wie der Erfolg dieser hellen Herrentöne in einer Gesellschaft überhaupt möglich ist, die ihre Mitglieder vor allem durch das Geschlecht klassifiziert. (Vermutlich gerade darum, aber nicht nur.) Und: Wie wird sich das noch im Klassik-Sektor entwickeln, der bereits vor Hochfrequenz-Artisten wimmelt?

Werbung

Die helle Begeisterung hält dort jedenfalls an. Im 20. Jahrhundert noch belächelt bis verlacht, sind Countertenöre heute in allen Klassik-Hochburgen daheim. Da kann etwa eine einzelne Opernpremiere – wie im Sommer 2012 in Salzburg – gleich vier Vertreter dieses Genres zusammenführen, das ständig neue Shooting Stars gebiert. Die Protagonisten der barocken Sangeskunst – sie sind längst nicht mehr ein Kuriosum, sondern bilden eine eigene Kategorie im Klassikregal.

Die fehlende Frau

Zum einen hat man das der Originalklangbewegung zu verdanken: Im Bestreben nach größtmöglicher Barock-Authentizität hat sie die hohen Herrenstimmen wieder salonfähig gemacht. Um die Wurzeln dieses Gesangs freizulegen, muss man allerdings bis zum Apostel Paulus graben. "Das Weib schweige in der Kirche", hatte er einst gefordert. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet dieser Machospruch einem Gesangsstil Vorschub leisten sollte, der fraulichste Höhen erklimmt.

Aber konnte der Apostel denn auch die Entwicklung der Tonkunst voraussehen? Spätestens in der Renaissance galt als ausgemacht, dass gute Chormusik vierstimmig zu sein hatte, wobei die oberen beiden Stimmen für die Frauen reserviert waren. Also eigentlich. Im Kirchenchor musste man sich für die Alt- und Sopranstimme allerdings etwas einfallen lassen. Eine Lösung: Knaben. Die andere: "Falsettisten". Dass in der Berufsbezeichnung das italienische Wort für "falsch" mitschwingt, muss nicht unbedingt als Beleidigung gelten: "Unecht" war dieser Kopfstimmengesang nur insofern, als er die Stimmlage einer Frau simuliert. Genau dieses Kunststück vollbringt heute der Countertenor.

Dessen Strahlkraft wäre allerdings undenkbar, hätte es in der Musikvergangenheit nicht noch eine andere Lösung für das Problem gegeben, eine Lösung, die mit ebenso viel Glorie wie Grausamkeit verbunden war – nämlich die Klangkultur der Kastraten. Bereits seit der Spätantike waren Knaben entmannt worden, um ihre helle Klangfarbe zu konservieren. Die Folgen waren aber nicht nur diese. Der schmerzhafte Einschnitt (in der Hochblüte des Kastratengesangs, dem 18. Jahrhundert, amputierte man den Hoden oder durchtrennte die Samenstränge) hatte einen enormen Körperwuchs, eine verminderte Potenz und eine Altersfettleibigkeit zu Folge, die bei den betagten Opfern weibliche Brüste hervorbrachte. Wobei viele von ihnen bereits an den Folgen des Gewaltakts starben. Überhaupt reüssierten nur die wenigsten als Berufssänger. Der Rest musste sich verunstaltet durchs Leben schlagen, wurde Jahrmarktsattraktion oder Prostituierter.

Scheinheilige Kirche

All diesem Elend gab die katholische Kirche ihren Sanctus. Wobei: nicht so direkt. Die Kastration blieb verboten, und wer ihr anheimfiel, den hatte offiziell zum Beispiel "eine Gans gebissen". Ende des 16. Jahrhunderts gestattete Papst Clemens VIII. Kastraten den Einsatz in der Sixtinischen Kapelle. Und weil die Opernkunst die Gottesmänner umso verruchter dünkte, je höher der Stern der Kunstform stieg, wurden Sängerinnen schließlich von italienischen Bühnen verbannt.

Das spielte aber auch dem spektakelsüchtigen Publikum in die Hände: Farinelli (1705–1782), Superstar der Kastratenzunft, hat in einem einzigen Atemzug angeblich ein Feuerwerk von bis zu 150 Noten abgefackelt, beherrschte den weiten Intervallsprung ebenso wie die feinskalierte Dynamik, vor allem aber erreichte seine überirdische Seraphenstimme auch höchste Lautstärkepegel. Beim Publikum zeitigte dies einen Vorläufer der Beatlemania – mit Ohnmachtsanfällen und hysterischen Zurufen wie "One God, one Farinellli!" Es lag wohl nicht zuletzt an seiner androgynen Aura, dass dieser Vokal-Virtuose der Menschheit so entrückt schien.

Rollen-Koketterien

Der Sänger mit der irrlichternden Geschlechts-Identität – dieses Phänomen gab es dann erst wieder im 20. Jahrhundert. Hatte der Glam Rock eines David Bowie erste Grundlagenarbeit zu Androgynität unter besonderer Berücksichtigung von Aliens und Raumfahrern betrieben, oblag es Klaus Nomi in den 80er Jahren, diese Vexierspiele auch stimmlich angemessen zu flankieren. Der Countertenor, der kurz vor seinem Aids-Tod 1983 in einem berückenden Auftritt noch einmal Henry Purcell Tribut zollte, hatte sich in der Pop-Welt vor allem durch seinen emblematischen Hit "Simple Man" verewigt. Nur ein "einfacher Mann" – im zugehörigen Musikvideo mit einem überkandidelten Kostüm angetan und im Gesicht so hellweiß geschminkt, wie die verzückte Stimme klang.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Klassik, Gesang, Musik

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2013-04-17 18:08:05
Letzte Änderung am 2013-04-19 11:38:52


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Unzureichend"
  2. Der Song-Contest-Außenseiter
  3. Blumen für den Tod
  4. Grundgütiger!
  5. Sie hauen sich über die Häuser
Meistkommentiert
  1. ORF-Dilemma mit Innsbruck
  2. Was Arik Brauer schon wusste
  3. Ein Fall für die Löwinger-Bühne
  4. Fernsehstar Dietmar Schönherr ist tot
  5. Dissens über Verluste der Bundestheaterhäuser

Werbung



Music

Seegers, Doug: Going Down To The River

Altersweisheit und kreativer Verwirklichungsdrang: Das späte Debüt von Doug Seegers ist eine fast unglaubliche Geschichte. - © Foto: Gregg Roth Die alte Journalistenweisheit, wonach vor allem schlechte Nachrichten gute wären, gilt in Zeiten der sozialen Medien nicht mehr... weiter




Scheiben

Hutcherson, Bobby: Enjoy The View

Sieht zwar so aus, hört sich so an, und doch: "Enjoy The View" ist kein Relikt aus jenen Tagen, als die Sexidole noch Sean Connery oder Jackie Kennedy... weiter




Scheiben

Haden, Charlie / Jarrett, Keith: Last Dance

Manchmal geht es schrecklich schnell. Im Juni hat Charlie Haden, der 76-jährige Kontrabassist, noch ein Album herausgebracht und es "Last Dance"... weiter





Quiz


Gert Voss als Lear, König von Britannien.

Wochenstart in Wien einmal anders: Die "Anti-Beatles", auch bekannt als The Rolling Stones, rockten das Ernst-Happel-Stadion. Rob Zombie während eines Konzertes auf der "Blue Stage" im Rahmen des "Nova Rock 2014" Festivals im burgenländischen Nickelsdorf.

Startnummer 1: Ukraine - Marija Jaremtschuk mit dem Song "Tick-Tock". <span style="color: rgb(55, 61, 70); font-family: arial, helvetica, clean, sans-serif; font-size: 13px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: normal; letter-spacing: normal; line-height: 18.200000762939453px; orphans: auto; text-align: left; text-indent: 0px; text-transform: none; white-space: normal; widows: auto; word-spacing: 0px; -webkit-text-stroke-width: 0px; background-color: rgb(255, 255, 255); display: inline !important; float: none;">Stanley Kubrick (1928–1999) gilt als einer der bekanntesten und wichtigsten Regisseure des 20. Jahrhunderts.</span>


Werbung