• vom 27.06.2013, 16:30 Uhr

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Jesus am Dancefloor




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Von Christina Böck

  • Die deutsche Electrodisco-Band Frida Gold im Interview über Glaube, Liebe, Ruhrgebiet
  • Das neue Album heißt "Liebe ist
  • meine Religion" und ist Programm.

Liebsein! fordert Frida-Gold-Sängerin Alina Süggeler.

Liebsein! fordert Frida-Gold-Sängerin Alina Süggeler.© Rankin/Warner Liebsein! fordert Frida-Gold-Sängerin Alina Süggeler.© Rankin/Warner

So weit ist es also schon. "Liebe ist meine Rebellion" heißt die Single von Frida Gold, die die deutsche Band ihrer neuen Platte vorausgeschickt hat. Ist unsere Gesellschaft tatsächlich so kalt, dass es schon rebellisch ist, einfach nur zu lieben? "Ja, mir geht es manchmal so", sagt Alina Süggeler im Interview mit der "Wiener Zeitung". Die Sängerin der Band fragt sich oft: "Warum fällt es so schwer, liebevoll miteinander umzugehen? Auch mit einem Gegenüber, das man nicht kennt? Wir hatten das Bedürfnis zu sagen, ja ich trau mich, ich möchte dafür aufstehen, wir sollten alle dafür aufstehen!"


Aufstehen für die Liebe und gegen die Gleichgültigkeit - das klingt nach Schlager mit üppigen Streichern. Und Rosenverzierung am Plattencover. Und passt auf den ersten Blick so gar nicht zum edelpunkigen Styling von Alina Süggeler. Passt auch auf den ersten Blick nicht wirklich zu den hypnotischen Elektrodiscobeats von Frida Gold. Aber warum soll es nicht auch am Dancefloor einmal missionarisch zugehen?

Reizwort Religion
Apropos missionarisch: Das ganze Album von Frida Gold heißt "Liebe ist meine Religion" (Warner). Religion ist jetzt, abgesehen von Xavier Naidoos Predigten, nicht unbedingt das dominanteste Thema im deutschen Pop. Und auch Süggeler will sich da erst nicht so festlegen: "Wir glauben eben an Liebe. Und wenn man die Religionen runterbricht, dann ist das überall die Essenz. Beim christlichen Glauben etwa: Jesus ist Menschen mit Liebe begegnet, an genau diese Geschichte will ich glauben." Dass Religion heutzutage natürlich auch ein Reizwort ist, das ist Bassist Andi Weizel nicht entgangen: "Uns ging es darum, ein Spannungsfeld aufzubauen, zwischen dem lauten Rebellieren und Bekennen und dem nach innen gekehrteren Spirituellen."

Und dann packt Süggeler, in ihren Hotpants und den überlangen Stiefeln auch nicht sofort als katholisch sozialisiert zu identifizieren, mit ihrer Kirchengemeinde-Vergangenheit aus: "Ich war in der katholischen Gemeinde sehr aktiv in meiner Kindheit. Das war mein erster Anknüpfungspunkt mit Musik, da habe ich das erste Mal gemerkt, da ist eine Stimme in mir, die bei anderen etwas auslöst. Und es ist ja auch so: Wo wird Gemeinschaft praktiziert? Die Kirche ist die Institution, die das tut. Ganz egal, was man jetzt von den übergeordneten Strukturen hält und von vielen Dingen, die so was von überholt sind."

Deutsche Detailfreude
Auf die Frage, ob sich das Deutsche denn für Popsongs überhaupt eignet, sagt Süggeler: "Das hat sich meine Stimme auch oft gefragt - weil es wirklich undankbar ist. Für das neue Album habe ich, weil wir mit internationalen Künstlern zusammengearbeitet haben, auch englisch getextet. Und da hat mir ganz schnell das Detailverliebte in der deutschen Sprache, die Möglichkeit, Dinge ganz nah zu formulieren, total gefehlt. Über diesen Umweg hab ich die Leidenschaft zum Deutschtexten wiedergefunden."

Die beiden Musiker kommen übrigens aus dem Ruhrgebiet. Gut, Bochum kennt der Grönemeyer-Aficionado vielleicht noch, aber sonst ist das nicht direkt das Popmusikmekka. "Es war schon eine harte Schule", sagt Süggeler. "Es gibt da so ein Festival, das heißt Emergenza, da konnte man sich mit anderen Bands messen. Und da war 95 Prozent harte Gitarrenmusik, als Popband wie wir musste man da schon ein unglaubliches Selbstbewusstsein haben, um sich mit dieser eher seichten Musik auf die Bühne zu stellen." Da hilft, dass Alina Süggeler schon früh kompromisslos war, was ihren künstlerischen Weg angeht. Aber das Ruhrgebiet hat auch seine Vorteile für junge Bands: "Da gab es kein Musikbusiness, das uns beobachtet, keine hippen Strömungen, wo man sich immer denken muss, ist man überhaupt cool genug." Das müssen sich die Coolen freilich ohnehin nicht oft fragen.




Schlagwörter

Pop, Deuschland, Frida Gold

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Dokument erstellt am 2013-06-27 16:35:04




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