• vom 22.11.2013, 19:59 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 23.11.2013, 10:19 Uhr

Randy Newman

Ein Zyniker als Humanist




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Von Bernhard Torsch

  • Am 28. November wird Randy Newman 70 Jahre alt. Tragikomische Observationen menschlicher Verirrungen und Oscar-reife Filmmusiken bestimmen sein gefeiertes Werk.

Ein bekannter Geheimtipp: Oscar-Preisträger Randy Newman (hier auf einem Foto von 2011) feiert seinen 70. Geburtstag.

Ein bekannter Geheimtipp: Oscar-Preisträger Randy Newman (hier auf einem Foto von 2011) feiert seinen 70. Geburtstag.© Foto: Warner Ein bekannter Geheimtipp: Oscar-Preisträger Randy Newman (hier auf einem Foto von 2011) feiert seinen 70. Geburtstag.© Foto: Warner

Gott lacht kurz auf, wenn er die Gebete der Menschen hört, dann bringt er ihre Kinder um und verbrennt ihre Städte. So fasst Randy Newman im Lied "God’s Song (That’s Why I Love Mankind)" seine Einstellung zur Religion zusammen. Darin spiegelt sich die Faszination für die Conditio humana ebenso wie ein leichter Ekel vor der Menschheit, deren beklagenswerte Zerrissenheit zwischen Dummheit und Ausgeliefertsein Newman seit einem halben Jahrhundert besingt.


Realistisch und klar
Er sei einer der drei großen zeitgenössischen amerikanischen Songwriter, sagen Kritiker gerne über ihn und stellen ihn damit in eine Reihe mit Bob Dylan und Leonard Cohen. Doch der am 28. November 1943 als Randall Stuart Newman in Los Angeles geborene Musiker textet weder surreal wie Dylan noch symbolistisch wie Cohen, sondern realistisch und klar. Die Poesie seiner Songs entsteht durch den Zusammenprall kalter Wirklichkeitsbeschreibungen mit Melodien und Arrangements, die Newmans Lieder über das schematische Pop-Allerlei weit erheben. Hinter einer massiven Portion Zynismus lugt aber stets humanistisches Mitgefühl mit den Getretenen und Gequälten hervor.

Newman wird die Musikalität wortwörtlich in die Wiege gelegt, sind doch gleich drei seiner Onkel Komponisten, die für Hollywood arbeiten. Von denen lernt der junge Randy das Handwerk, sodass er schon im Alter von 17 Jahren Profimusiker werden kann.

Später Geldregen
Nachdem er für andere Künstlerinnen und Künstler als Songlieferant tätig ist, traut er sich ab Ende der 1960er Jahre auch selber ins Rampenlicht und überrascht das Publikum mit tragikomischen Observationen menschlicher Verirrungen. Ob gelangweilte Landeier, die zu viel Schnaps erwischt haben ("Let’s Burn Down The Cornfield"), übergewichtige Kinder ("Davy The Fat Boy"), ängstliche junge Mädchen auf wilden Partys ("Mama Told Me Not To Come") oder Sklavenhändler, die ihren afrikanischen Opfern die Vorzüge eines Sklavenlebens in Amerika schmackhaft machen wollen ("Sail Away"): All das ist pointierter und witziger als alles, was man bisher gekannt hat, und Newman wird zu einem Favoriten der Kritiker und der Linksliberalen.

Richtig Geld verdient er aber erst im Jahr 1977 mit dem Hit "Short People". Darin macht er sich scheinbar herablassend über die Probleme klein gewachsener Menschen lustig, um in Wahrheit aber die Naivität zu kritisieren, mit der damals versucht wird, real existierende Benachteiligungen schön zu reden.

Wie ein Autor von Kurzgeschichten schlüpft Newman in die Rolle fiktiver Charaktere, von denen auffallend viele Psychopathen ohne Gewissen und ohne Moral sind. Böse Menschen, die sich selbst keineswegs für böse halten, faszinieren den Sänger, seien es koksende Börsenmakler ("It’s Money That I Love") oder Sexualmörder ("In Germany Before The War"). Aber neben der Düsternis reflektiert Newman auch die Zärtlichkeit und schreibt einige der berührendsten Liebeslieder der Popgeschichte ("Feels Like Home", "Same Girl", "Marie").

Musikerkollegen und Kritiker loben Newman zwar in höchsten Tönen, doch er bleibt so etwas wie ein "bekannter Geheimtipp" und verdient nicht allzu viel mit seinen Platten und Tourneen.

Sozial- und Selbstkritik
Zum Großverdiener wird er erst, als ihn die Disney/Pixar-Filmstudios als eine Art Hauskomponisten engagieren. Filmmusik ist ihm nicht fremd, schrieb er doch schon den Score von "Ragtime". Doch mit seinen Soundtracks zu Kassenschlagern wie "Toy Story", "Cars" oder "Monsters, Inc." macht Newman nicht nur viel Kohle, sondern bringt es auf ganze 15 Oscar-Nominierungen: ein Rekord. Er bekommt die begehrte Statuette aber nur einmal, nämlich für den Song "If I Didn’t Have You" im Jahr 2001. In seiner Rede sagt er: "Ich will euer Mitleid nicht."

Newman lässt sich zwischen seinen Plattenveröffentlichungen gerne Zeit, was er damit begründet, dass er nun einmal "faul" und "zu selbstkritisch" sei. Seinen scharfen Blick auf die Welt hat er sich aber bewahrt. Nicht nur ein fiktives Gespräch mit Karl Marx, das den Song "The World Isn’t Fair" von 1999 bestimmt und heute wirkt, als hätte Newman die Wirtschaftskrise und die sozialen Verwerfungen dieser Tage vorausgeahnt, kündet davon.


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Schlagwörter

Randy Newman, Portrait, Extra, Music

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-11-22 14:59:04
Letzte Änderung am 2013-11-23 10:19:56




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