• vom 26.10.2014, 11:44 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 26.10.2014, 14:16 Uhr

Konzertkritik

Vortragsabend für Kenner




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Von Andreas Rauschal

  • Elvis Costello gab ein intimes Solokonzert im Wiener Burgtheater.

Eine Zeile aus seinem Song "Oliver’s Army" gilt natürlich auch heute: "Donʼt start me talking. I could talk all night!" – im Wiener Burgtheater allerdings soll das nichts Schlechtes bedeuten. Immerhin erweist sich Elvis Costello hier als gewitzter Erzähler, der nicht nur die schöne Anekdote parat hat, der zufolge sein Vater einst vor Queen Mum auftreten durfte – und dabei nichts weniger zum Besten gab als Pete Seegers Protestfolksong "If I Had A Hammer". Auch ein Ausflug auf die Hamburger Reeperbahn ("aus reinen Recherchegründen!") ist Thema. Dieser zeitigte über einen eh unverfänglichen Einkehrschwung in Sachen Shopping schließlich die Schuhmode des heutigen Konzerts, die dem nicht gänzlich unauffälligen Restoutfit Costellos gut ansteht.

Am Ende ist es aber nicht die Redseligkeit des Meisters, sondern seine Neigung zum üppigen Zugabenteil, die die Konzertdauer auf knapp zweieinhalb Stunden bringt. Wobei es zum alten "Fit mach mit"-Spiel kommt, das man über oftmaliges Aufstehen und Sich-wieder-Niedersetzen auch aus der Kirche kennt. Das passt aber alleine schon insofern, als die von Costello in Wien längst nur mehr in den Tempeln der sogenannten Hochkultur abgehaltenen Vortragsabende vor Kennern eine durchaus sakrale Note verströmen.

Hin zur Essenz


Dabei ist festzuhalten, dass es – anders als bei Konzerten des späten Bob Dylan – zu keinen von raschem Songerkennungsapplaus gekennzeichneten Schwanzlängenvergleichen unter den Costellologen kommt. Wobei sich derlei Kennerschaftsbekundungen nicht nur aufgrund des großen Werkkatalogs, sondern auch der Vorliebe des Songwriters zu auf die Setlist gehievten Raritäten und einer weitgehend spröden Vortragsweise anbieten würden. Und dass vor allem der eine oder andere britische Fan in sentimentaler Verzückung mitzusingen gedenkt, ist wiederum (ganz im Sinne der sakralen Note!) nur würdig und recht.

Mit gut dreißig Songs also durchmisst Costello sein Schaffen quer durch (fast) alle Phasen. Es beginnt mit "45" als Abhandlung einer in mehrerlei Hinsicht bedeutsamen Zahl, führt zur Post-Trennungsballade "Either Side Of The Same Town" und geht mit "Veronica" über das in der Popkultur noch kaum verankerte Thema der Demenz hin zu "Come The Meantimes" aus einer im Vorjahr veröffentlichten Zusammenarbeit mit The Roots – wo ein erster Animationsversuch in Sachen Publikumsmiteinbeziehung bescheidene Resultate befördert. Grundsätzlich bestätigt sich dabei bald, dass Elvis Costello solo zwar nicht die durch Mark und Bein gehende Gefühligkeit eines Neil Young erreicht, der Essenz seines Schaffens mit diesen intimen Reduktionen aber durchaus nahe zu kommen ist.

Teils unverstärkt und mit umso drastischerem Ausdrucksgesang sowie mit häufig wechselnden Gitarren, ist mit dem Sperrstunden-Country von "April 5th" ebenso für weitere Nuancen gesorgt wie mit dem zärtlichen Charles-Aznavour-Cover "She". Sehr gut vor allem die von ausufernden Gitarrenfeedbacks getragenen Versionen von "Watching The Detectives" und, überraschend, der Brian-Eno-Kollaboration "My Dark Life".

Kaugummikauend und verständlicherweise unter Zuhilfenahme von Spickzetteln steht im Zugabenteil neben (tragischen) Göttersongs wie "Shipbuilding" mit Elvis Costello an den Tasten auch der vertonte Dylan-Text "Matthew Met Mary" auf dem Programm, angesichts dessen der dylaneske Vortrag von "The Last Year Of My Youth" nur konsequent erscheint. Ein Abend für Fans und Freunde.


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Schlagwörter

Konzertkritik, Elvis Costello

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-10-26 11:45:29
Letzte nderung am 2014-10-26 14:16:10




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