• vom 29.11.2014, 09:30 Uhr

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Werkschau eines Rastlosen




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Von Bruno Jaschke

  • Im musikalischen Schaffen des beinahe beängstigend produktiven Songwriters Ernst Molden wird mit der Best-of-Doppel-LP "Regn en Wien" eine Zäsur gesetzt.

Sänger, Gitarrist, Liedermacher, Autor Ernst Molden.

Sänger, Gitarrist, Liedermacher, Autor Ernst Molden.© Daniela Matejschek Sänger, Gitarrist, Liedermacher, Autor Ernst Molden.© Daniela Matejschek

"Ich war ein Planet für mich. Mitte der 90er Jahre ist die Elektronik-Szene um Kruder & Dorfmeister in Wien explodiert. Alle sind im Adidas-Jackerl im Volksgarten gesessen und haben Drum & Bass gehört. Es hat nichts Unhipperes gegeben als einen Typen, der im weißen Anzug mit einer Akustik-Gitarre poetische deutschsprachige Lieder singt. Inoffiziell hat sich der Ruf verbreitet: Der Typ ist peinlich."

So gedachte Ernst Molden in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" seiner musikalischen Anfänge. Als dieses Gespräch anlässlich der LP "Es Lem" 2011 bei ein paar Gespritzten und Bieren in einem Lokal im dritten Bezirk stattfand, war Ernst Molden natürlich aber längst das genaue Gegenteil von "peinlich": nämlich einer der angesehensten zeitgenössischen Wiener Liedermacher.


Top Ten in Ö3-Charts
Was zu diesem Zeitpunkt freilich auch noch nicht abzusehen war, war das Ausmaß an Erfolg, das den Künstler noch "heimsuchen" sollte. Moldens letzte Platte, "Ho Rugg", zwar gemeinsam mit Willi Resetarits, Walther Soyka und Hannes Wirth eingespielt und -gesungen, aber von ihm als Autor alleinverantwortet, erreichte die Top Ten der Ö3-Album-Charts - und somit die Charts eines Senders, der ihn nie gespielt hatte.

Abgesehen von seiner unerwarteten Popularität ist bei Molden eine beinahe schon beängstigende Produktivität zu verzeichnen. Und das selbst unter völliger Ignoranz seiner Vita als Schriftsteller, die bisher vier Romane, zwei Essaybände und zwei Theaterstücke gezeitigt hat. Allein sein bisheriger musikalischer Output - rund zwölf Longplayer - stellt Chronisten vor eine ernste Herausforderung.

Da ist es fürwahr nicht schlecht, wenn etwas Übersicht geschaffen wird und mit einer Best-of-Platte des 47-jährigen Sängers, Songschreibers und Gitarristen eine Zäsur gesetzt wird. Vor allem, wenn Robert Rotifer die Auswahl des Repertoires vorgenommen und die Liner Notes geschrieben hat.

Der in England lebende Wiener Musiker und Journalist hat bereits 2011 für das "Ernst Molden Lieder Buch" ein nachgerade phänomenal verständiges, empathisches Vorwort geschrieben. Außerdem ist er auf "Es Lem" als Gastsänger zu hören - zum ersten Mal im Wiener Dialekt. Auf dem digitalen Sampler "Ebbsfleet" auf dem von ihm maßgeblich mitbestimmten Label Gare Du Nord Records überträgt Rotifer Moldens "De Möwen" mit ziemlich heftigen E-Gitarren ins Englische, während umgekehrt Molden Rotifers "Now That I’m Here", eine der Glanznummern von dessen LP "Before The Water Wars", kongenial (und auf hochdeutsch) covert.

"Regn en Wien", wie die nun erscheinende Molden-Werkschau betitelt ist, kommt als Doppel-LP daher. "Gnadenhalber" wird es sie auch in CD-Form geben, aber sowohl der Musiker als auch das Label Monkey Music (und Editor Rotifer) plädieren für die Vinyl-Version, nach der auch das Repertoire dramaturgisch ausgerichtet ist. Jede der vier Seiten hat ihr eigenes Thema. Seite eins ist jener bis 2008 dauernden Phase gewidmet, in der Molden noch in verwildertem Hochdeutsch, das retrospektiv bereits aus allen (Stimm-)Rohren zum Dialekt zu drängen scheint, gesungen hat.

Naturbesessenheit
Die zweite Seite - wir sind bereits bei Wienerisch - handelt von Orten: von der bereits klassischen "Hammerschmidgossn", dem ersten Duett mit Willi Resetarits, über das "Café Ministerium", das selbst Molden manchmal zu verraucht ist, bis zum "Hameau" in Neuwaldegg. Seite drei bringt Moldens Naturbesessenheit ins Spiel, die weniger von Idylle geprägt ist als vielmehr von einer Art mythischer Faszination an ihren archaischen, schaurig-schönen Gewalten. Seite vier schließlich - die "Hitseite" sozusagen - ist Beziehungen gewidmet: nicht nur Liebesangelegenheiten, sondern auch Freundschaften und anderen Formen der menschlichen Kommunikation.

Musikalisch ist das von einer schlüssigen Entwicklung begleitet: Von der teilweise noch ziemlich ruppig-drängenden Frühphase hin zu einem - Blues, Chanson und Wienerlied zu einer symbiotischen Einheit verschmelzenden - akustischen Klangbild, das vor allem eines bezeugt: Gelassenheit. Wer einmal "peinlich" gewesen und jetzt ein Held ist, kann sich auf seine Gefühle verlassen.

Ernst Molden

Regn en Wien

(Monkey Music/Rough Trade)




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Dokument erstellt am 2014-11-27 17:59:06




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