• vom 19.05.2015, 16:57 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 24.05.2015, 17:22 Uhr

Australien

Europäer für eine Nacht




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Von Fiona Brutscher

  • Begeistert von der Show, aber bisher nur Zaungast: Dass Australien diesmal antreten darf, versetzt die Fans Down Under in Euphorie.

Australien will es diesmal Conchita Wurst gleichtun, wie unser Karikaturist Daniel Jokesch meint.

Australien will es diesmal Conchita Wurst gleichtun, wie unser Karikaturist Daniel Jokesch meint.© Daniel Jokesch Australien will es diesmal Conchita Wurst gleichtun, wie unser Karikaturist Daniel Jokesch meint.© Daniel Jokesch

"Oh, come on! Bloody bloc voting!" Die blonde Drag Queen im Union-Jack-Minikleid protestiert lautstark, weil mal wieder ein ehemaliger Ostblock-Staat dem Nachbarland "douze points" verleiht. Sie vermutet Schiebung, Bestechung, politische Manipulation und Schlimmeres. Ihre Perücke droht vor lauter Schimpfen in Schieflage zu geraten, vom Gemüt ganz zu schweigen. Bald schon könnte ein Sieger feststehen. Die Nerven liegen blank. Vor uns auf der großen Leinwand läuft die Stimmenvergabe des Eurovision Song Contest, hinter uns fiebern Fans mit irischen, griechischen und italienischen Flaggen und in liebevoll ausgewählten Kostümen dem Höhepunkt des europäischen Musikwettbewerbs entgegen.

Doch wir sind nicht in Europa, die meisten Fans sind keine Europäer und live ist die Übertragung auch nicht. Wir befinden uns in Australien, wo der Bewerb zwar zu nachtschlafender Zeit auch live gezeigt wird, doch um 5 Uhr morgens stehen nur hartgesottensten Fanatiker auf. Von denen gibt es zwar nicht wenige, doch die Mehrheit der australischen Eurovision-Fans bevorzugt die abendliche Wiederholung.


Die zeitverzögerte Übertragung zur Prime Time erreicht in den letzten Jahren immer wieder über eine Million Zuschauer, und somit etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Nicht schlecht für ein Land, das von den Austragungsorten und Teilnehmer-Staaten kaum weiter entfernt sein könnte - sowohl geografisch als auch kulturell. Wie Troy Bass, der den Contest seit 1993 verfolgt, betont, passen fast alle Eurovision-Staaten bequem in die Gesamtfläche Australiens. Die Riesen-Insel ist zwar ein postkolonialer Schmelztiegel, doch dominiert die anglo-amerikanisch geprägte Einheitskultur. Kulturen-, Sprachen- und Melodienvielfalt wie in Europa? Fehlanzeige! Gerade deswegen fasziniert Fans wie Troy das "Spektakel des Wettbewerbs, der einen Kontinent durch Musik gleichzeitig vereinigen und spalten kann".

Seit der staatliche Fernsehsender SBS ein eigenes Moderatoren-Duo zu den Wettbewerben schickt, hat die Übertragung eine ganz eigene Note. Julia Zemiro und Sam Pang sind seit 2009 live vor Ort dabei, wenn es heißt: "Good evening Europe..." Die Fans daheim danken es ihnen mit hohen Einschaltquoten und einer wahren Social-Media-Flut. Unter dem Hashtag #SBSeurovision werden komplexe Trinkspiel-Regeln getwittert, Rezepte für pan-europäische Party-Snacks auf Facebook geteilt und Fotos von Public-Viewing-Veranstaltungen veröffentlicht. Man hat die Qual der Wahl zwischen zahlreichen öffentlichen und privaten Veranstaltungen, die überall auf dem Kontinent stattfinden.

Unter den Zuschauern sind zwar einige Europäer und Australier mit europäischen Wurzeln, doch für die meisten steht nicht die Nationalität, sondern die Show im Vordergrund. Man glaubt es kaum, doch die Australier wählen ihre Favoriten tatsächlich nach musikalischen Kriterien aus. Ronny Adamo, der mit seinem Partner bereits zwei Mal live in Europa dabei war, meint: "Es geht um das Lied, den Interpreten und die Emotionen, die die Musik hervorruft. Wir müssen nicht aus Loyalität ein bestimmtes Land unterstützen und können unseren Favoriten selbst aussuchen."

Auch She-La, die vormals erzürnte Drag Queen, rückt am Ende des Abends ihre Perücke zurecht und findet ihre Fassung wieder, als Conchita Wurst "absolut verdient" zur Siegerin gekrönt wird. Troy bezeichnet den siegreichen Auftritt als "flawless". Also reist er derzeit mit 70 weiteren Fans aus Down Under mit dem offiziellen Fanclub an, mindestens 100 weitere machen sich laut einer Schätzung von Roy van der Merwe unabhängig davon auf den Weg nach Wien. Der Chefredakteur von "Eurovision Covers", einer Website für Fans aus dem "Rest der Welt", bestätigt, dass die Aussies bei Weitem die enthusiastischste und größte Fan-Gruppe außerhalb Europas bilden.

Obwohl sie auch die längste Anreise auf sich nehmen müssen, um in der Stadthalle dabei zu sein, hat dieser Enthusiasmus hierzulande bisher relativ wenig Beachtung gefunden. Klar grüßen die Moderatoren jedes Jahr artig die Zuseher in Australien. Natürlich sieht man immer wieder die eine oder andere australische Flagge oder ein aufblasbares Känguru im Publikum, doch wer kommt schon auf die Idee, dass die den weiten Weg aus Sydney, Brisbane oder Perth transportiert wurden, um hier in die Kamera gehalten zu werden? Das europäische Eurovision-Publikum erfuhr wohl erst 2014, wie es um die australische Liebe zum Contest bestellt ist.

Mit einer Halbzeitpausen-Einlage in Kopenhagen durften die Australier da erstmals beweisen, dass sie es in Sachen Show locker mit den Europäern aufnehmen können. Die selbstironische Klischeeparade, samt kitschigen Kostümen, überladener Choreografie und Musical-Untermalung, war ein augenzwinkerndes Plädoyer für eine australische Teilnahme. Auch wenn die meisten australischen Eurovision-Fans diesen Anbiederungsversuch eher als peinlich empfinden, hat der Auftritt das Land laut Fan Troy "in einem positiven, jovialen Licht gezeigt - als unbekümmerte Spitzbuben." Die darauf folgende Power-Ballade "Sea of Flags", dargeboten von Nachwuchs-Sängerin Jessica Mauboy, war der endgültige Beweis, dass die Australier das ESC-Vokabular beherrschen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-05-19 17:02:05
Letzte nderung am 2015-05-24 17:22:44




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