• vom 24.08.2015, 15:35 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 25.08.2015, 14:44 Uhr

Laibach in Nordkorea

Die totale Provokation




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Von Wu Gang

  • Für seinen Auftritt in Nordkorea hat das slowenische Kunstkollektiv Laibach kontroverse Reaktionen geerntet.
  • Im Interview verwehrt sich Bandsprachrohr Ivan Novak gegen den Vorwurf, ein totalitäres System zu unterstützen.

Schon gut akklimatisiert: Laibach posiert in Pjöngjang, Ivan Novak (Mitte) unterstützt den "Mut der Nordkoreaner, uns einzuladen".

Schon gut akklimatisiert: Laibach posiert in Pjöngjang, Ivan Novak (Mitte) unterstützt den "Mut der Nordkoreaner, uns einzuladen".© F.Pedersen Schon gut akklimatisiert: Laibach posiert in Pjöngjang, Ivan Novak (Mitte) unterstützt den "Mut der Nordkoreaner, uns einzuladen".© F.Pedersen

Pjöngjang. "Wann immer wir Kraft geben, geben wir das Beste / all unser Können, unser Streben / und denken nicht an Feste / von jedem wird alles gegeben / und jeder kann auf jeden zählen." Diese Zeilen könnten genauso gut der Juche-Ideologie entstammen, jener nordkoreanischen Staatsdoktrin, wonach das gesamte Interesse auf die eigene Nation zu richten sei. Tatsächlich handelt es sich jedoch um den übersetzten Text des 80er-Gassenhauers "Live Is Life" von Opus, der sich in der Interpretation von Laibach wie ein stampfender Militärmarsch mit triumphierenden Fanfarenklängen anhört. Das slowenische Kunstkollektiv hat sich seit seiner Gründung 1980 darauf spezialisiert, vermeintlich harmlose Fremdkompositionen aus dem Kanon der Popkultur völlig neu zu interpretieren - zumeist in einer faschistoid anmutenden Industrial-Ästhetik, wodurch die Band stets umstritten war. "Wir sind so sehr Faschisten, wie Hitler ein Maler war", antwortete die Gruppe einst auf die Frage nach ihrer Gesinnung - ein für sie typisches und für Interpretationen offenes Zitat.

Und so ist auch die bislang spektakulärste Aktion von Laibach einigermaßen umstritten: Als eine der ersten westlichen Rockbands durften sie im abgeschotteten Nordkorea vor 1500 Zuschauern ein Konzert spielen. Eingefädelt wurde der Auftritt vom norwegischen Regisseur Morten Traavik, der zuvor mit kontroversen Aktionen wie der Wahl zur "Miss Landmine" in Angola auf sich aufmerksam gemacht hat. Dementsprechend gehen die Meinungen über das Konzert der Slowenen in Pjöngjang auseinander: Handelt es sich hier um die ultimative Provokation, einen geschmacklosen PR-Stunt oder einen kulturell wertvollen Beitrag zur Völkerverständigung? Wie immer gibt es bei Laibach keine eindeutige Antwort auf diese Frage.

Information

Die "Süddeutsche Zeitung" hat ein Video vom Auftritt veröffentlicht.


Im Anschluss an die Reise reagiert Bandsprachrohr Ivan Novak auf entsprechende Fragen mit der Abgeklärtheit eines Berufsprovokateurs - auch wenn man ihm anmerkt, dass das Erlebte nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist: "Es ist sehr schwierig, zu diesem Zeitpunkt schon zu realisieren, was wir in den letzten Tagen erlebt und was wir mit dieser Show geleistet haben. Auch wenn es vielleicht pathetisch klingt, aber das Einzige, das uns wichtig ist und was uns in Erinnerung bleiben wird, sind die Begegnungen mit den Menschen in Nordkorea - denn die waren fantastisch. Sie waren auch dann noch respektvoll und höflich, als sie uns angewiesen haben, unser Programm zu ändern und an gewissen Stellen zu beschneiden. Diese unglaubliche Freundlichkeit der Nordkoreaner und der totale Respekt, den sie über ihre Kommunikation ausdrücken, hat für mich die Frage aufgeworfen: Muss ein Land erst totalitär sein, damit sich die Menschen mit Respekt und Würde begegnen? Ironie, Sarkasmus oder Zynismus sind diesen Leuten völlig fremd, das sind offensichtlich sehr westliche Qualitäten und Eigenheiten."

br />"Wiener Zeitung": Wie hat das Publikum in Nordkorea auf Ihren Auftritt reagiert?

Ivan Novak: Es war ein ausgewähltes Publikum mit einem kulturellen Hintergrund, das üblicherweise Theateraufführungen gewohnt ist. Ihnen wurde vorher gesagt, dass sie etwas sehen würden, das ziemlich interessant sei, unbekannte Musik spiele und aus dem Westen kommt - obwohl wir nach unserem Selbstverständnis keine westliche Gruppe sind. Die Leute kamen, haben zugehört, applaudiert, im gewissen Sinne haben sie uns auch verstanden. Am Ende sind sie sogar aufgestanden, was vermutlich nur eine Geste der Höflichkeit war, denn wir haben das Konzert mit ihrem Nationallied "Arirang" beendet. Einige haben sich beschwert, dass der Auftritt zu laut war - der Botschafter aus Syrien meinte etwa, für ihn wäre er die reinste Ohrenfolter gewesen.

Gewisse Lieder durften Sie nicht spielen - um welche hat es sich dabei gehandelt?

Bei nordkoreanischen Klassikern wie "We Will Go To Mount Paektu" hat ihnen nicht gepasst, dass wir Rhythmus und Tonhöhe verändert haben, "Koran" haben sie abgelehnt, weil ihnen der Titel zu religiös erschien. Ansonsten haben wir viele Lieder aus "The Sound Of Music" gespielt, denn das ist so ziemlich der einzige westliche Film, den fast jeder Nordkoreaner kennt. Er ist auch Popkultur in seiner pursten Form und der nordkoreanischen Ästhetik verblüffend ähnlich. "The Hills Are Alive" hat beispielsweise in diesem Kontext wie ein komplett neuer Song gewirkt und einen äußerst subversiven Unterton bekommen.

Warum hat Nordkorea mit Laibach eine obskure Intellektuellen-Gruppe aus Slowenien eingeladen und keinen Mainstream-Act wie die Backstreet Boys oder Helene Fischer?

Vielleicht klingen diese Gruppen zu sehr nach ihrem eigenen K-Pop... Ich habe das Gefühl, dass sie selbst nicht wussten, warum sie uns eigentlich eingeladen haben. Im Endeffekt ist es eine Frage des Vertrauens, und unser Verbindungsmann Morten Traavik hat eine stabile Vertrauensbasis mit den Nordkoreanern aufgebaut. Alle diese Menschen, die mit der Materie "Laibach in Pjöngjang" betraut waren, haben sich in Gefahr begeben. Das war ein ganz schmaler Grat, über den sämtliche Beteiligten balancieren mussten. Wir wollten den Leuten dort keine Probleme machen, denn sie haben schlichtweg nicht gewusst, mit wem sie es bei uns eigentlich zu tun haben. Also haben wir versucht, alles zu vermeiden, was irgendwie beleidigend hätte wirken können. Wir sind schließlich nicht nach Nordkorea gefahren, um die Nordkoreaner zu provozieren. Wir sind nach Nordkorea gegangen, um den Rest der Welt zu provozieren.

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Dokument erstellt am 2015-08-24 15:38:04
Letzte ─nderung am 2015-08-25 14:44:49




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