• vom 09.01.2016, 17:45 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 09.01.2016, 17:57 Uhr

Beat Happening

Unbedankte Wegbereiter




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bruno Jaschke

  • Die Geschichte der Band Beat Happening, zuletzt auch auf der Kompilation "Look Around" dokumentiert, belegt den - karriere-technisch betrachtet - schweren Stand des US-Punk.

The Sex Pistols. The Clash. The Damned. Generation X. Punk britischer Provenienz ist klar definiert - zeitlich wie auch musikalisch und auch durch die Art seines Auftretens: Seine Blütezeit waren die Jahre 1976/77; seine musikalische Reichweite beschränkte sich auf eine Form, die so (gewollt oder ungewollt) primitiv gehalten war, dass sie mit dem Stereotyp des "Drei-Akkorde-Schemas" bezeichnet, bisweilen auch stigmatisiert wird. Vor allem aber war britischer Punk ein Image-Spektakel, das keine Chance ausließ, sich effektiv in den Medien zu präsentieren: Stachelfrisuren, Leder- und Fetzenlook und aggressives, herausforderndes Gehabe.

Heute als Wegbereiter des Lo-Fi-Indie-Rock der 90er Jahre anerkannt, seinerzeit unverstanden: Calvin Johnson (oben rechts) und seine Band Beat Happening.

Heute als Wegbereiter des Lo-Fi-Indie-Rock der 90er Jahre anerkannt, seinerzeit unverstanden: Calvin Johnson (oben rechts) und seine Band Beat Happening.© Anne Culbertson Heute als Wegbereiter des Lo-Fi-Indie-Rock der 90er Jahre anerkannt, seinerzeit unverstanden: Calvin Johnson (oben rechts) und seine Band Beat Happening.© Anne Culbertson

Punk aus den USA stellte sich weit weniger plakativ dar. Obwohl praktisch alle nennenswerten Vorläufer und Wegbereiter aus dem Land kamen - von den Garagen-Rock-Bands der 60er Jahre über die Stooges, MC5 und Velvet Underground bis zu Television - ist Punk in den USA nie groß inszeniert worden. Er passierte einfach und nahm sich dabei viele Freiheiten: Neben einem ungleich größeren musikalischen Aktionsradius auch die des gleichmütigen Verzichts auf eine "standesgemäße" Repräsentationsform.

Mobys Erfahrungen

"Es fühlt sich komisch an, wenn ich Leute von ,echtem Punk‘ reden höre", sagte Richard Melville Hall alias Moby 2001 zum Autor dieser Zeilen. "Das ist in Europa wahrscheinlich anders als in Amerika. Als ich aufwuchs, spielte ich wie auch meine Freunde in Punk- oder Hardcore-Bands und wir waren ziemlich ,normal‘. Das einzige, was Bands wie Minor Threat, die Circle Jerks und andere Punk- und Hardcore-Bands verband: Sie hatten kurze Haare. Aber mit diesem Bild britischer Punks mit ihren Lederjacken und Irokesen, die Bierflaschen durch Fenster werfen, hatte Punk in den USA nichts gemein. Eine Band wie Bad Religion, die es seit 1981 gibt und die aus ganz normalen Leuten besteht, von denen einer sogar Lehrer ist, entspricht weit eher dem amerikanischen Hardcore-/Punk-Ideal."

Solches Understatement hatte natürlich den Preis, dass das Etikett Punk
in den USA bei weitem nicht so gut als Karriere-Lokomotive taugte wie in England. Zu einer integrativen Größe haben es nur die Ramones gebracht, alles andere ist entweder eine Begriffsfrage (wie sehr Punk ist . . . ?) und /oder unter kommerziellen Gesichtspunkten so marginal, dass nicht einmal große Referenzen einen Kickback
-Effekt zeitigen.

Ein solcher Fall ist Greg Sage: Der Sänger, Gitarrist und Songschreiber aus Portland, Oregon, hatte mit seiner Band The Wipers Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mit grandiosen Alben wie "Over The Edge" oder "Youth Of America" Maßstäbe gesetzt, mittels derer Bands wie Nirvana, Mudhoney oder Pearl Jam ihre Bezugsfelder abgesteckt haben. Äußere Umstände wie auch eine gewisse persönliche Renitenz haben verhindert, dass sich seine Größe über Insider-Zirkel hinausgesprochen hat.

Flanellhemden!

"Als Punk 1978, 79 groß in den Staaten war, musstest du aus L.A. oder New York sein, um cool zu sein", erzählte der als schwierig geltende Sage 1993 - also am Höhepunkt der von ihm maßgeblich mitbeeinflussten Grunge-Ära - dem Autor. "Jemanden aus Portland hat man ausgelacht. Und um cool zu sein, musstest du einen schwarzen Ledermantel und Stiefel tragen und mit Ketten behängt sein. Ich trug Flanellhemden! Das war bis ungefähr 1985 das Uncoolste, was du tragen konntest. Leute sagten zu dir, ,du siehst aus wie ein Holzfäller!‘ Das war, wiewohl wir definitiv Punk waren, zu dieser Zeit so was von Anti-Punk, dass es bei vielen echte Aggressionen hervorrief. Zehn Jahre später hieß es, ich hätte Grunge gestartet, weil ich Flanellhemden trug und Leute sagten: Du bist ein Held, ein Trendsetter! Ich habe grundsätzlich gern das Gegenteil dessen gemacht, was angesagt war. Auf ,Youth Of America‘ hatten wir zwei Stücke, die zehn Minuten lang waren. Auch das galt zu der Zeit für Punk als unmöglich."

1985 produzierte Greg Sage das (unbetitelte) Debütalbum des aus Olympia, Washington, stammenden Trios Beat Happening. Und bei deren Sänger, Gelegenheitsgitarristen und Haupt-Songschreiber Calvin Johnson scheint sich das Schicksal des unverstandenen Schrittmachers fortzusetzen: Johnson hat auf seinem Label K Records etliche Künstler veröffentlicht, bevor diese groß wurden - Beck, Modest Mouse, The Gossip; seine Songs wurden von Prominenten wie Nirvana oder Ben Gibbard gecovert. Beat Happening gelten als Wegbereiter des Lo-Fi-Indie-Rock der 90er Jahre. Und weil bei ihnen Drummerin Heather Lewis soundtragende Bedeutung und auch Gesangs- und Autoren-Anteile hatte, wird ihnen bisweilen sogar Einfluss für die Riot-Grrrl-Bewegung bescheinigt.

Doch ähnlich wie die Wipers generierte die Band in ihrer aktiven Zeit (frühe 80er bis frühe 90er) Ablehnung, ja Feindschaft. Wieder war deren Quelle ein Clash von Elementen, die nicht zusammenzupassen schienen: diesfalls Johnsons herausfordernde Live-Performance, die das Publikum nicht mit dem "bescheidenen" Appeal der Musik in Einklang zu bringen vermochte. Beat Happening, deren Dreier-Line-Up Gitarrist Bret Lunsford komplettierte, spielten ohne Bass. Das gab der Musik, die mit Einflüssen aus Rockabilly, Rock, Psycho-Blues und nicht zuletzt einer gehörigen (durch eine aufgesetzte Naivität nur notdürftig getarnten) Dosis sexueller Energie öfters um die Reviere der Cramps herumstreifte, eine fragmentierte, provisorische Anmutung. Verstärkt wurde diese noch durch spartanischen Umgang mit technischen Hilfsmitteln und die Tatsache, dass die frühen Stücke meist recht kurz waren.

Geschichtsunterricht

Später wurden die Songs etwas komplexer und sogar der Technik wurde der eine oder andere Einsatz (Multilayering
) gewährt. Doch der scheppernde Gitarre(n)-Schlagzeug-Sound und Johnsons tiefe, autoritative Stimme, gegen die sich die selteneren Vokal-Einsätze von Lewis fast lieblich ausnehmen, gaben der Band ihre Alleinstellungsmerkmale.

Eine kürzlich bei Domino erschienene Kompilation mit einem chronologisch geordneten Streifzug durch die fünf Original-LPs plus einer einmaligen Nachzügler-Single von 2000 lässt diesen nicht unwesentlichen Teil amerikanischer Punk-Historie wieder aufleben. Geschichtsunterricht gewissermaßen. Und unterhaltsam wie wenig sonst.

Information

Beat Happening
Look Around
(Domino/GoodToGo)





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-01-07 17:50:05
Letzte ─nderung am 2016-01-09 17:57:04




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kunst
  2. Komödiant mit vielen Talenten
  3. Der Templer im Neujahrskonzert
  4. Fluchtpunkt Oper
  5. Krüppel und Huren
Meistkommentiert
  1. "Teutone hoch Vier"
  2. TV-Konsum verändert die Weltsicht
  3. NEOS machen Druck für ORF-Reform
  4. Die Ikone des Bauchfrei-Feminismus
  5. Thomas Maurer schafft das Triple


Quiz


Scraps and sketches, etc. - caption: ''The Gin shop'. A satirical sketch on the dangers of drinking alcohol', George Cruikshank, 1828.

1971: Das italienische Schauspiel-Duo Terence Hill und Bud Spencer, wie es in Erinnerung bleibt - hier in der erfolgreichen Western-Komödie "Vier Fäuste für ein Halleluja". Spencer heißt mit bürgerlichem Namen Carlo Pedersoli. Manfred Deix ist am Samstag nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 67 Jahren verstorben.

Götz George verstarb am 19. Juni im Alter von 77 Jahren. "Die Marx Brothers im Theater" (Love Happy), 1948: In einer Nebenrolle macht Marilyn Monroe als verführerische Kundin dem Detektiv Groucho Marx schöne Augen. David Miller führte Regie. (http://www.youtube.com/watch?v=P7eUJZlYXh8 )