• vom 12.04.2016, 16:31 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 13.04.2016, 11:17 Uhr

Album-Kritik

Pein und Not - Sein und Tod




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Von Andreas Rauschal

  • Musik zur Zeit: PJ Harvey singt auf ihrem neuen Album über globale Krisen und soziale Probleme.

Von der Innen- zur Außenwelt: PJ Harvey schickt ihr seit 2011 politisiertes Songwriting in die Verlängerung. - © Maria Mochnacz

Von der Innen- zur Außenwelt: PJ Harvey schickt ihr seit 2011 politisiertes Songwriting in die Verlängerung. © Maria Mochnacz

Das Vorgängerwerk markierte den bisher größten Umbruch im Schaffen von PJ Harvey. Er bestand im Wechsel der Perspektive von der Innen- auf die Außenwelt. Menschen in der Unterhaltungsbranche vergessen ja mitunter darauf, dass es eine solche überhaupt gibt! Vor lauter mit sich selbst beschäftigt sein zu Hause beim Grübeln, beim mühsamen Sich-Abringen von Ideen, beim Warten auf den Düsenjet und gerne auch beim Verdrängen oder beim Ausschweifen mit Drogen bleibt oft keine Zeit mehr für Dinge, die sich nicht mit den Hauptwörtern "ich", "mir", "mich" und "mein" erzählen lassen.

Empathische Lieder
Die 1969 als Polly Jean Harvey in Dorset geborene Songwriterin konnte man seit ihrem Debütalbum "Dry" von 1992 dann zwar eh weitgehend abseits dieser und ähnlicher Eitelkeiten erleben. Allerdings arbeitete sich die Frau zwischen reduzierten Exorzismen auf Bluesbasis, Nabelschauen eines wie auch immer gearteten Alternative Rock und introspektiven Stubenballaden am Hallklavier lange Zeit im Bereich von Angst und Pein und Not, kein Wunder, dass man zittert, kein Wunder, dass man tobt, doch recht eindringlich an einer schlicht als "Zustand" zu bezeichnenden Seelenbefindlichkeit ab. Mit dem Meisterwerk "Let England Shake" wurden 2011 dann auch "die anderen" entdeckt, die nicht immer die, aber zu oft in der Hölle sind. Man hörte empathische Lieder, die die kriegerische Vergangenheit und Gegenwart Großbritanniens von der Schlacht von Gallipoli im Ersten Weltkrieg bis hin zum Engagement in Afghanistan transzendierten.


Der nun mit entsprechend hohen Erwartungen konfrontierte Nachfolger "The Hope Six Demolition Project" (Island/Universal Music) legt den Fokus in einer Welt der - jetzt wissen es alle! - globalen Probleme noch umfassender an. Dienstreisen nach Afghanistan, Washington, D.C. und in den Kosovo liegen den elf neuen Songs zugrunde. Bereits der Auftaktsingle "The Wheel" gelang das Kunststück, ein verlassenes Ringelspiel, das Rad der Zeit und das Schicksal im Kosovokonflikt verschwundener Kinder nicht nur einerseits beklemmend einzufangen, sondern allem Leid auf und an dieser kaputten kalten Welt über die Musik selbst eine erbauliche Note entgegenzuhalten. Für ein Porträt der von Kriminalität, Drogensucht, Armut und gescheiterter (Wohnbau-)Politik gezeichneten Randzonen der US-Hauptstadt im Opener "The Community Of Hope" musste PJ Harvey aufgrund ihrer Schonungslosigkeit und - unterstellten - (zu) negativen Sichtweise aber bereits auch Kritik aus der betroffenen Region einstecken. Die Wahrheit tut bekanntlich weh. Vor allem, wenn sie einen selbst betrifft.

Trauermarsch mit Saxofon
Bei "Chain Of Keys" schreitet PJ Harvey - geografisch nicht weiter bestimmt - mit einer betagten Frau durch eine nach dem Krieg verlassene Wohngegend. Sie durchforstet die National Mall in Washington auf ihren Ursprung als Gstättn und reflektiert über Heilkräuter und das (moderne) Betäubungsmittel Nummer eins, den Gottseibeiuns Alkohol. Sie sieht am Weg vorbei an den Glasfassaden des Sozialministeriums Obdachlosigkeit, Verwahrlosung, Leid, Elend und Tod. Im kriegerisch dräuenden "The Ministry Of Defence" wiederum ist alle Hoffnung verloren: "This is how the world will end." Am Ende steht eine von Field Recordings aus Afghanistan getragene Meditation aus dem Auto, während im Getummel der Straße jemand einen Dollar von PJ Harvey will.

Musikalisch ersetzt Harvey die für "Let England Shake" zentrale Autoharp durch ein Saxofon, das unterstützend im Hintergrund, mit der Hauptrolle in Sachen Melodieführung oder frech freejazzend Facettenreichtum beweist. Dazu wird themenadäquat auf Call-and-Response- und Marschgesänge sowie nicht zuletzt auf Marching Drums gesetzt. Militärmusik liegt in der Luft! Zwischen sprödem Erlösungsblues, entrücktem Kunstlied, Trauermarsch und - "dank" Handclaps und mitunter quasipostoraler Gesänge - einem Hauch von Jungscharlagerstimmung ist alles möglich. Nur richtige "Hits" will PJ Harvey keine mehr schreiben. Stattdessen wird geschichtsbewusst auch auf das der Versklavung geschuldete Spiritual "Wade In The Water" und Jerry McCains sozialrealistischen Blues "That’s What They Want" als Grundlage gebaut.

Dass das Album mit alten Weggefährten wie Mick Harvey, Flood und John Parish recht außergewöhnlich zumindest teils als begehbare Installation vor Publikum aufgenommen wurde, geht angesichts der musikalischen Ergebnisse selbst etwas unter. Dabei ist auch das ein weiteres besonderes Detail im Schaffen einer quer durch ihre Karriere besonderen Künstlerin.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-04-12 16:35:05
Letzte Änderung am 2016-04-13 11:17:05




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