• vom 05.05.2016, 16:09 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 06.05.2016, 07:55 Uhr

Antony Hegarty

Tränen und Drohnenbomben




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Von Andreas Rauschal

  • Antony Hegarty deutet auf einem neuen Album als Anohni Untergangsbotschaften ins Erhebende.

Schwierige Inhalte in hübscher Verpackung: Unter dem weiblichen Alias Anohni veröffentlicht Antony Hegarty das Krisenalbum "Hopelessness".

Schwierige Inhalte in hübscher Verpackung: Unter dem weiblichen Alias Anohni veröffentlicht Antony Hegarty das Krisenalbum "Hopelessness".© Alice O’Malley Schwierige Inhalte in hübscher Verpackung: Unter dem weiblichen Alias Anohni veröffentlicht Antony Hegarty das Krisenalbum "Hopelessness".© Alice O’Malley

Die Erstbegegnung mit dieser Stimme glich einem Erweckungserlebnis. Und spätestens seit dem Durchbruchsalbum "I Am A Bird Now" von 2005 und einem Auftritt beim Jazz Fest Wien im gleichen Jahr schien klar, dass ein Leben ohne dieses fragile, Innigkeit und große Tragödien mit Emphasenvibrato zum Ausdruck bringende Organ nicht nur sinnlos, sondern nun auch völlig unmöglich sein würde. Immerhin waren die Sturzbäche an dabei vergossenen Tränen kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, endlich einen Großputz des emotionalen Haushalts in Gang zu bringen.

Bekränzte Klavierdramen in Todesnähe

Zum Glück war Antony Hegarty aber über das Schaffen seiner New Yorker Kammerballadenkombo Antony And The Johnsons hinaus gekommen, um zu bleiben. Während der androgyne Koloss mit Hang zur musikalisch zarten Note mit seiner Stammformation bekränzte Klavierdramen in thematischer Nähe zum Tod und auch zu Erzählungen eines Lebens als Außenseiter zwischen den Geschlechtern zum Besten gab - und bald mit mehr Zierrat in Richtung Jazz abbog und Auftritte in den Opernhäusern der Welt absolvierte -, wurde seine Götterstimme nicht zuletzt auch von anderen Acts für Cameos gebucht. Nach der Arbeit für seine frühen Mentoren Lou Reed und David Tibet, auf dessen Label Durtro im Jahr 2000 auch das selbstbetitelte Debüt von Antony And The Johnsons erschien, folgten Kollaborationen mit Rufus Wainwright, Joan As Policewoman, den Coco-Rosie-Schwestern oder Bryan Ferry. Geistesverwandtschaften wurden zudem mit Marc Almond (im gern Überbordenden) und Björk (im von Antony auf Alben wie "The Crying Light" von 2009 oder dem ein Jahr später nachgeschobenen "Swanlights" erkundeten Naturmystischen) entdeckt.

Als willkommene Abwechslung und Neuausrichtung schlug vor allem aber ein Gastspiel bei Andrew Butlers Disco- und House-Revivalprojekt Hercules And Love Affair im Jahr 2008 zu Buche. Ganz dem Leben zugewandt bis maximal restmelancholisch tänzelte Antony hier auf fünf Songs um den Hit "Blind" durch die Römersauna und mit der Pallas Athene atemlos durchwacht in der Disco durch die Nacht. Unter der Devise Glückshormone statt Tränen, Frühlingsfrische statt Winterreise und Eros statt Thanatos war als Intermezzo für gute Zeiten gesorgt.

Bis an den Rande des Wutbürgertums

Nach sechsjähriger Veröffentlichungspause, was eigene Langspieler betrifft, erinnert sich Antony aktuell zwar daran, dass ihm das elektronische Setting der Songs damals gut anstand. Allerdings wird es auf einem ersten nun erscheinenden und alles sagend "Hopelessness" (Rough Trade) betitelten Soloalbum unter dem weiblichen Alias Anohni weder Disco und House noch Frohbotschaften setzen.

Grundsätzlich unter den Vorgaben des Popsongs, mit Synthie-Sounds und Arrangements aus dem Laptop wie gerne auch in Richtung Neo-R&B-Formalismen getrieben, bringt Anohni ihren Ärger ob der Verhältnisse inhaltlich einerseits recht unangenehm bis an den Rande des Wutbürgertums zum Ausdruck. Andererseits deuten die Songs ihre Untergangsbotschaften musikalisch mitunter mitsingtauglich auch ins Erhebende. Trotz aller auch provokanten Texte über tot machende Drohnenbomben, Selbstmordanschläge, demokratische Gesetzlosigkeiten der USA und nicht zuletzt die Todesstrafe als "amerikanischen Traum", Totalüberwachung, falsche Wahlversprechen und den Klimawandel als globalen Kugelgrill klingt das weitgehend zuversichtlich. An der diesbezüglichen Speerspitze könnte gleich der Eröffnungssong mit seinem stolpernden und holpernden Beat für gute Stimmung sorgen, wäre nur der Text nicht verständlich: "Drone bomb me / Blow me from the mountains / And into the sea / Blow my head off / Explode my crystal guts / Lay my purple on the grass / I have a glint in my eye / I think I want to die!"

Schelte für Obama im Fall Snowden

Als Erfüllungsgehilfen wurden der junge schottische Produzent und Kanye-West-Kollaborateur Hudson Mohawke und Daniel Lopatin gewonnen. Letzterer stand als Oneohtrix Point Never bisher für verquere elektronische Nischenforschung im Umfeld des Vaporwave-Mikrogenres und darf nun in Sachen große Geste Erfahrungen sammeln. Seine Urkompetenz kommt am ehesten im vergleichsweise ungenießbaren Song "Obama" zum Einsatz, mit dem Anohni die ursprüngliche Hoffnung auf eine einschneidende Präsidentschaft nicht nur mit ihren Grenzen in der Realpolitik kontrastiert, sondern den US-Präsidenten explizit auch für seine Rolle im Fall Snowden attackiert.

Die Zusammenfassung des Albums gibt das Stück "Marrow" am Ende. Es klingt so hübsch und friedlich, wie es gleichfalls inhaltlich schwierig ist: "We are all Americans now."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-05-05 16:14:04
Letzte nderung am 2016-05-06 07:55:28




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