• vom 27.05.2016, 16:52 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 30.05.2016, 11:08 Uhr

Albumkritik

Victims von Liebe




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Von Andreas Rauschal

  • Jamie Hince und Alison Mosshart alias The Kills veröffentlichen ihr erstes Album seit 2011.

The Kills singen aktuell über das Verlassenwerden. Ein Motto dafür haben sie auch: Lässig leiden!

The Kills singen aktuell über das Verlassenwerden. Ein Motto dafür haben sie auch: Lässig leiden!© Kenneth Cappello The Kills singen aktuell über das Verlassenwerden. Ein Motto dafür haben sie auch: Lässig leiden!© Kenneth Cappello

Ein bereits von der Auftaktsingle "Doing It To Death" geäußertes Bekenntnis scheint auch auf den Beginn des Albums selbst zuzutreffen: "I know we gotta slow it down." Immerhin will man hier zu einem gemächlichen Beat aus einer Drum-Machine in Sachen "Geht scho, gemma, Voigas" einmal keine allzu große Eile haben. Wenn man nun wiederum hörerseitig ganze fünf Jahre auf das neue Album des Mann-Frau-Doppels Jamie Hince und Alison Mosshart alias The Kills warten musste, wird man sich ja auch ästhetisch daran erinnern dürfen, dass wir früher einmal alle jünger, schneller, dynamischer und - gemma, gemma - zickezackiger waren. Irgendwie frischer.

Wir erinnern uns also daran, dass The Kills einst über die grobe Vorarbeit des Albums "Keep On Your Mean Side" von 2003 zwischen PJ-Harvey- und unter Starkstrom stehenden Delta-Blues-Riffs im schludrigen Garagensound oder das vermutlich auf Flohmarktstreifzügen basierende, mit Vintage-Equipment stärker elektronisch geprägte "No Wow" mit dem dritten Streich "Midnight Boom" 2008 am vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere standen.


Sexy verwahrlosen
Damals wurde atemlos in der Nacht mit zwölf Songs in dreißig Spielminuten einiges auf den Punkt gebracht. Es ging darum, künstlerische Dringlichkeit verkatert im Out-of-Bed-Look zur Schau zu stellen. Rock ’n’ Roll, auch als Dienst an der eigenen Lässigkeit in Lederjacke und enger Hose gedeutet. Verwahrlosung in ziemlich sexy. Enge Hosen halten übrigens auch wach, wenn man die Pillen einmal zu Hause vergessen hat.

Did you get the good ones? Spätestens mit der gleich lautenden Frage im beinahe gleich lautenden Song war schließlich auch eine Hommage an die Ausschweifung geliefert. Ausschweifung kommt im Rock ’n’ Roll vor dem Club 27 oder einem Kreuzweg, der nach Reha und Reue auch mit öffentlichen Beichten, der Unterstützung von Antidrogenprogrammen und Beleg-Homestorys vom neuen Leben am Land als nachhaltiger Nebenerwerbsbiobauer, Familienvater und Rosenzüchter einhergeht.

Zum Glück sind The Kills aber eh zwei Leute, die die Pose bevorzugen dürften. Scheiße, Schauspieler! Man erkennt das, wenn Alison Mosshart live dramatisch Kette raucht. Eine Art Reha ist jedenfalls trotzdem zu verkünden: Nachdem ein Finger Hincens durch Komplikationen nach einem Bruch unbrauchbar wurde, musste er sich das Gitarrenspiel neu beibringen. Inhaltlich aber wiegt stärker, dass der arme Mann nach fünf eh als Wunder zu verstehenden Ehejahren an der Seite von Kate Moss aktuell zügig auf die Scheidung zusteuert.

Wenn es in den 13 neuen Songs des kommenden Freitag erscheinenden fünften Albums "Ash & Ice" (Domino/GoodToGo) also gerade nicht um das Verlassen- und Verlassenwerden, das Verlassenwordensein, die kaputte Beziehung, das Scheitern einer Beziehung oder schließlich das Alleinsein geht, darf kurz auch der Wunsch nach einer Wiedervereinigung einen Gastauftritt haben. Grundsätzlich spricht der Songtitel "That Love (Death Row)" aber Bände.

Keith Richards im Eck
Erstaunlicherweise sind bis auf diesen Sperrstundensong, den Mosshart womöglich in ihrer neuen Wahlheimat Nashville auf einem dort von Jack White geparkten Honky-Tonk-Klavier eingespielt hat, aber keine Trauerballaden zu hören. Zurückgenommen mit Twang kommt ansonsten noch "Hum For Your Buzz" daher, das an einen Film von Quentin Tarantino aus den 90er Jahren denken lässt. Nachts um halb drei in Los Angeles. Heroin, Heroin, wir brauchen Heroin!

Der große Rest pendelt zwischen angezogener Handbremse und trockenen Midtempogrooves mit lässig geschlenzten Blueslicks. Etwas gezeichnet vom Leben hören sich Letztere heute zunehmend nach Keith Richards im Eck mit Tschick in der Pappn an. Und auch eine wiederholte Annäherung an das "Peter Gunn"-Thema ist nicht von der Hand zu weisen. Im Gesamtpaket geht das alles übrigens sehr in Ordnung.




Schlagwörter

Albumkritik, The Kills

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Dokument erstellt am 2016-05-27 16:56:05
Letzte ńnderung am 2016-05-30 11:08:05




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