• vom 22.07.2016, 17:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Pop

Auf- und anrührend




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Von Bruno Jaschke

  • Mit "Was zählt" veröffentlichen Family 5 ihr erstes Album seit 2004. Darauf zeigt die Düsseldorfer Band um Peter Hein berechtigtes Selbstbewusstsein.

Die 6 Mann von Family 5 mit Peter Hein (oben, Mitte). - © Ekki Maas

Die 6 Mann von Family 5 mit Peter Hein (oben, Mitte). © Ekki Maas

Der Anfang reißt einen buchstäblich aus Raum und Zeit: Wie da in ein abwartendes Intro die Bläser hineinschneiden - das kriegt man so unbändig heute sonst nirgends mehr zu hören (und man würde es auch nirgendwo mehr zu hören erwarten). So etwas war vor 35 Jahren angesagt: Da haben Pop-Bands ihre musikalischen Visionen oft und gerne mit Bläsern befeuert. Die frühen Dexys Midnight Runners, die Specials. Und nicht zuletzt auch The Clash haben damals gerne einmal den einen oder anderen Song durch eine Horn-Section verschärft.

In diese Zeit der frühen 80er Jahre fällt auch die Gründung von Family 5, dem ursprünglich als besserem Hobby gedachten Projekt von Sänger Peter Hein, der gerade Fehlfarben verlassen hatte, und dem aus Graz stammenden musikalischen Tausendfüßler und Journalisten Xao Seffcheque.

Sukzessive zu einem Full-Time-Unternehmen gewachsen, begeisterten Family 5 mit ihrem erst 1985 erschienenen Debüt "Resistance" alle jene, deren Horizont nicht durch den übermächtigen Schatten des Fehlfarben-Monolithen "Monarchie und Alltag" verdunkelt war. Es definierte - durchaus noch erkennbar in Punk und Rock geerdet - im deutschen Sprachraum einen eigenen Topos, in dem sich später etwa die Aeronauten nicht übel einzurichten wussten.



2016 gehen sich für Hein Fehlfarben und Family 5 locker nebeneinander aus. Und wenn er und Seffcheque mit vier kompetenten Begleitern zum Einstieg in die neue Family-5-LP die Musiksprache von anno dazumal aufrufen, dann indiziert das vor allem eines: berechtigtes Selbstbewusstsein. Freilich ist "Was zählt" nicht einfach ein Retro-Album, sondern lässt alles Mögliche einfließen, was irgendwo Platz findet, sich auszubreiten.

Information

Family 5

Was zählt

(Tapete/Indigo)

"Stolpere nicht" beginnt wie ein Stück Kammermusik, das von der Beschleunigung zwanglos auf der Strecke gelassen wird. Ein herrlich quirliges Trompetensolo in "Nicht Mannheim" und der dahinmäandernde Groove im Abschlusssong "Kalt" kommen dem Jazz ins Gehege, während wiederum für anstrengungslos-dynamische Rocker wie "Mit der Zeit" die Phrase "gut abgehangen" passt.

Von Visionen ist natürlich schon lange keine Rede mehr, nur von einer "kranken Illusion". Guter Pop reflektiert immer aus sich heraus - ohne kategorischen Imperativ - seine Entstehungszeit. Der Sprachgestus, die Metaphorik, geschichtliche Details verraten, was die Uhr geschlagen hat. Wenn einem auf "Resistance" noch "der Hedonismus aufs Brot geschmiert" wurde, ist heute "aus dem Dreck, den wir sehen, nicht mehr viel herauszuholen".

Ein LP-Titel wie "Was zählt" muss in seiner etwas anmaßenden Anmutung naturgemäß als Herausforderung verstanden werden. Also: Was zählt? Sind es Freundschaft und Solidarität, die in "Stolpere nicht" ergreifend und in atemberaubender Intensität besungen werden? Ist es die heroische Geste, wie man aus dem stimmigen Bowie-Cover "Helden" schließen könnte? Oder weiß es Peter Hein überhaupt nicht, wie er im aufrührenden "Walverwandt" expressis verbis singt?

Der Verdacht liegt nahe, dass letzteres der Fall ist. Viel besser zu Hein passt ja auch der Fingerzeig auf das, was nicht sein sollte. Viel davon hat mit öffentlicher Kommunikation zu tun: das Schönreden prekärer Lebensverhältnisse, das Gequatsche im Frühstücksfernsehen. In "Trennung" finden der verbale und der physisch manifeste Müll auf einer Ebene zusammen: "Ich trenne nicht, so krank bin ich, denn für mich ist alles derselbe Mist." "Herbst in Peking" fabriziert einen eleganten kleinen Seitenhieb gegen die Spürnasen des Zeitgeschehens: "Kennt ihr schon den neuesten Trend: Arbeitslosigkeit in China / oder hab ihr den auch verpennt, seid immer noch beim Klima?"

Der bewegendste Moment auf dieser auf- und anrührenden Platte ist allerdings ein privater: "Mit der Zeit" ist eine sich unsentimental geben wollende und gerade darum besonders ergreifende Erinnerung an eine(n) Verstorbene(n) mit bitter-reuevoller Einsicht, was man am Lebenden versäumt hat. "Ich geh nicht oft zu deinem Grab, die Steine reden nicht mit mir, lieber nehm ich noch ein Glas und trinke es im Geist mit dir."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-07-22 15:38:05
Letzte nderung am 2016-07-22 15:57:11




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