• vom 22.09.2016, 16:23 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 22.09.2016, 16:33 Uhr

Musik

Tagadaland ist abgebrannt




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Von Andreas Rauschal

  • Die Antwoord und ihr neues Album zwischen Blitzhüttengaudi und schlechten Manieren.

Keifen, keppeln, Pillen schlucken: die Antwoord.

Keifen, keppeln, Pillen schlucken: die Antwoord.© Amanda Demme Keifen, keppeln, Pillen schlucken: die Antwoord.© Amanda Demme

Kapstadt. Gleich zu Beginn werden die Weichen endgültig für gespielte Witze gestellt: "We Have Candy", mit dem Die Antwoord aus Südafrika um das Mann-Frau-Duo Watkin Tudor Jones alias Ninja und Anri du Toit alias Yolandi Visser und einen sich bescheiden "God" nennenden DJ im Hintergrund ihr mittlerweile viertes Studioalbum "Mount Ninji And Da Nice Time Kid" (Zef Records) eröffnen, wird zwischen Operettenhaftigkeit in gewisser Geistesverwandtschaft mit Freddie Mercury und Queen, der nötigen Dosis Jahrmarktpsychedelik, Dark-Cabaret-Elementen und letztlich dem für die Band so typischen Elektrorap erheblich klamaukhaft als eine Art Hörspiel inszeniert.

In diesem wird Yolandi Visser mit ihrem gewohntermaßen grotesk auf Barbie Girl gestimmten Organ auf die "dunkle Seite" locken, in der es außer ums Drogenfressen etwa auch um Tabubrüche geht, die den "Parental Advisory"-Sticker mit pornösem Unfug und anderen betonten Geschmacklosigkeiten im Zeichen niederer Instinkte nicht nur quasi vorprogrammieren - sondern eher herausfordern, gleich das ganze Cover damit zu tapezieren.

Miese Manieren

Mit schlechten, also sehr schlechten Manieren, die gute Laune auch über ein Keifen und Keppeln in den Rap-Parts gewährleisten, weil es zusätzlich wichtig ist, den sogenannten Zef-Style der sogenannten südafrikanischen "Unterschicht" zur Kunst zu erheben, wird reichlich Mut zur Hässlichkeit bewiesen. Immerhin singen und rappen Die Antwoord aus Kapstadt mit Afrikaans gerne auch in einer der hässlicheren Sprachen der Welt (woran - no offense! - vor allem der niederländische Anteil verantwortlich ist).

2010 mit "Enter The Ninja" als heiter-durchgeknalltes, komplett überdrehtes, konzeptuell bizarres und dabei klug kalkulierendes Netz-Phänomen durch die Decke gegangen, an einem Deal mit dem Teufel in Form von Interscope Records als Tochter des Marktmajors Universal Music beinahe verzweifelt und heute mit eigenem Label längst an der Spitze eines eigenen Imperiums stehend gelten die Antwoord nicht von ungefähr als Publikumslieblinge im Festivalzirkus. Hier darf die ewige Ausschweifungs- und Verwahrlosungsjugend mit (durchaus auch im wienerischen Wortsinn!) wach machenden Pillen auf alle Hemmungen verzichten. Teilen des neuen Albums sei Dank, wird das in Zukunft noch leichter fallen. Mit vermutlich nicht einmal mehr ironisch gemeintem Eurotrash-Ballaballa zwischen Blitzhüttengaudi und Party in Tagadaland wird - wie bereits von der Auftaktsingle "Banana Brain" vorexerziert - alles zwischen den Ohren Liegende zu Pudding geböllert.

Mit Dita Von Teese

Für kurze Momente eines gewissen Old-School-Feelings ist auf "Mount Ninji And Da Nice Time Kid" Sen Dog von den alten Hip-Hop-Schlawinern Cypress Hill (man erinnert sich dunkel: "Insane In The Brain") für einen Gastauftritt mit dabei. Burlesque-Künstlerin Dita Von Teese gibt bei "Gucci Coochie" die reiche Bitch und Femme fatale, die unsere Leben zerstören will. Ein Sechsjähriger, den die Credits als Lil Tommy Terror ausweisen, darf sich im Gebet "Wings On My Penis" wünschen und auch durch den gespielten Witz "U Like Boobies?" führen. Und apropos gespielter Witz: Bei "Jonah Hill", das den gleichnamigen US-Schauspieler ("Superbad", "The Wolf Of Wall Street") adressiert, unterbricht Yolandi Visser den Ninja an ihrer Seite, um im Studio eine Diskussion darüber anzuzetteln, wie "gay" sein Track doch nicht sei. Das ist sicher sehr lustig - sofern man mit Lil Tommy Terror die Schulbank drückt.

Spätestens danach und im auf dunkle Hip-Hop-Formalismen mit Subbass zum Cruisen durch Downtown gebuchten, eintönig-müden zweiten Teil des Albums scheinen der Antwoord dann aber die Ideen (und die Luft) auszugehen. Es ist egal. Die südafrikanische Version des F-Worts lautet "fokken", und auf FM4 geht die Platte als "Opus Magnum" und "erstklassig" durch.





Schlagwörter

Musik, Pop, Antwoord

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-22 16:26:05
Letzte ─nderung am 2016-09-22 16:33:01




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