• vom 20.10.2016, 15:58 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 20.10.2016, 17:47 Uhr

Leonard Cohen

Am Ende: die Endlichkeit




  • Artikel
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Leonard Cohen veröffentlicht ein neues Album. Abermals geht es darauf auch um die letzten Dinge.

Einmal mehr bewegt Leonard Cohen mit seinen mit Weinkellerbariton vorgetragenen Liedern.

Einmal mehr bewegt Leonard Cohen mit seinen mit Weinkellerbariton vorgetragenen Liedern.© Sony Einmal mehr bewegt Leonard Cohen mit seinen mit Weinkellerbariton vorgetragenen Liedern.© Sony

Im Gegensatz zum Ausgezeichneten selbst reagierte der große kanadische Liedermacher und Poet Leonard Cohen prompt auf den Literaturnobelpreis für seinen Kollegen Bob Dylan. Dieser sei ungefähr so, also würde man dem Mount Everest eine Medaille dafür umhängen, der höchste Berg zu sein. An diesem Moment von Cohens Albumpräsentation in Los Angeles stellte sich unter den Getreuen Erleichterung ein. Der Meister dürfte seinen Humor doch nicht verloren haben! Und, noch wichtiger, er entschuldigte seine zuletzt gegenüber dem "New Yorker" getätigte Äußerung, bereit zum Sterben zu sein, mit einem gewissen Hang zur Übertreibung.

Dabei beschwor der heute 82-Jährige bereits mit der gleichnamigen Auftaktsingle seines nun erscheinenden 14. Albums "You Want It Darker" (Columbia/Sony Music) bei Querbezügen zur Tora genau dieses Gefühl der manifesten Endlichkeit: "Hineni! Hineni! I’m ready, my lord." Begleitet vom Chor jener Synagoge in Quebec, in der Cohen als 13-Jähriger seine Bar-Mizwa feierte, wurde hier tatsächlich das Licht abgedreht: "A million candles burning / For the love that never came / You want it darker / We kill the flame."


Humorig todernst
Der leitmotivisch auch als Ansporn zur Kompensation mit Sex, Liebe und Rotwein gebrauchte Tod ist bei Leonard Cohen nun zwar auch schon beinahe so alt, wie es der Songwriter selbst im Herzen bereits am Beginn seiner Karriere in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre war. So humorig Cohen die Endlichkeit aber auch im Alter von 53 Jahren 1988 im "Tower Of Song" noch vermaß ("Well, my friends are gone and my hair is grey. I ache in the places where I used to play..."), so buchstäblich todernst ging es im Spätwerk mit den Alben "Old Ideas" (2012) und "Popular Problems" (2014) zu. Dabei wurde berührend die Unversehrtheit von Körper und Geist ersehnt, bereits aber auch das immerwährende Dunkel erkannt: "I got no future. I know my days are few. I know the present’s not that pleasant. Just a lot of things to do."

Cohen, der 1994 vor seinen Depressionen in ein buddhistisches Kloster geflohen war und Jahre später bemerken musste, dass seine Managerin das angehäufte Millionenvermögen veruntreut hatte, war nach den stilistisch stark unterschiedlichen Comeback- und Selbstfindungsalben "Ten New Songs" von 2001 und "Dear Heather" von 2004 hier hörbar ganz bei sich angekommen. Und er zeigte sich ausgerechnet im Zuge dieser kompromisslosen Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit von einem Großteil jener Verzweiflung befreit, die seine Karriere über Jahrzehnte hinweg mitbestimmte. Wer den Mann im Rahmen wiederholter Konzertreisen zwischen 2008 und 2013 live sehen durfte, bekam nicht nur für sich fantastische Marathonauftritte mit Songs aus sämtlichen Schaffensphasen geboten. Er bekam vor allem auch die Kunst der absoluten Menschlichkeit vorexerziert, die sich nach der Krise und ihrer Überwindung in einem Bekenntnis zum Leben entlud. Das war nichts weniger als überwältigend.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Leonard Cohen, CD-Kritik, Pop

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-20 16:02:05
Letzte ─nderung am 2016-10-20 17:47:10




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Möge die Schlacht mit uns sein
  2. Im Reisebüro der Fantasie
  3. Disney sagt Netflix & Co. den Kampf an
  4. Friends in Stockerau
  5. Kein "Irrer mit der Bombe"
Meistkommentiert
  1. Sophie Rois ärgert sich über "Peniszulage"
  2. Die Kamera als Schutz
  3. "Ohne Polen kollabiert London"
  4. Neun US-Medien sind "ausländische Agenten"
  5. am grabstein


Quiz


CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.


Werbung


Werbung