• vom 28.10.2016, 17:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 28.10.2016, 17:05 Uhr

Pop

"Kein Bruch mit unserer Geschichte"




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Von Bruno Jaschke

  • Kurt Wagner im "Wiener Zeitung"-Gespräch über "Flotus", das technologielastige neue Album seiner Band Lambchop, und seine Vorliebe für aktuellen US-Hip-Hop.

"Technologie beeinflusst die Welt und beeinflusst die Kunst." Kurt Wagner, Mastermind der US-Band Lambchop. - © Elise Tyler

"Technologie beeinflusst die Welt und beeinflusst die Kunst." Kurt Wagner, Mastermind der US-Band Lambchop. © Elise Tyler

Mit der zwölfminütigen, weitgehend noch in vertrautem Country-Folk-Format gehaltenen Ballade "In Care Of 8675309" beginnt, mit dem flotten, wunderbar zwischen Electronica, Pop und Soul fließenden "The Hustle" endet die womöglich bisher beste, jedenfalls aber ungewöhnlichste Lambchop-Platte. Dazwischen liegen viel digitales Gefrickel, computerisierte Drums, per Autotune verfremdete Lead- und Hintergrundstimmen, Falsettos, aber auch wunderschöne impressionistische Piano-Parts, hin und wieder eine tiefe Klarinette und stimmige Interaktionen zwischen handgemachten und elektronischen Passagen.

Album für seine Frau
Nun, "Flotus", wie das zwölfte reguläre Lambchop-Album heißt (der Titel könnte für "For Love Often Turns Us Still" stehen - oder auch für "First Lady Of The United States"), hat Band-Boss Kurt Wagner laut eigener Aussage für seine Frau gemacht. Das erwies sich allerdings, so der Musiker im "Wiener Zeitung"-Interview, zunächst als vergebliche Liebesmüh:

"Ich dachte zwar, ihr würden die Sounds gefallen. Aber sie sagte immer nur: ,Wo ist deine Stimme?!‘ Erst als sie meinen Plan besser verstand, eine Platte zu machen, die auf Technologie und Sounds basiert, die sie mag, sprach sie darauf an."



Wie Wagner betont, ist das Album, das Fans von gefühlig-beseelten Platten wie "Is A Woman" oder zuletzt "Mr. M" vor ziemliche Herausforderungen stellen dürfte, keineswegs als Bruch mit der Lambchop-Geschichte zu sehen: "Ich verwerfe nicht notwendigerweise etwas, das ich früher gemacht habe, sondern versuche, es mit neuen Ideen anzureichern".

Information

Lambchop

Flotus

(City Slang)

Am 14. Februar 2017 treten Lambchop im WUK in Wien auf.

Für "Flotus" hat sich der Sänger, Gitarrist und Songschreiber die Produktionsweise des kontemporären (Mainstream-)Hip-Hop - namentlich die letzten Platten von Kendrick Lamar, Kanye West und Frank Ocean - zum Vorbild genommen. Die Affinität Wagners zum Hip-Hop mag überraschen, aber sie besteht bereits seit den mittleren 80er Jahren, als er noch nicht in Nashville lebte, sondern in Chicago. "Ich war viel mit Graffiti-Künstlern zusammen, und natürlich habe ich mir auch ihre Musik angehört - sie dröhnte ja die ganze Zeit aus den Art Stores. Dadurch entdeckte ich auch früh die Dance-Szene in Chicago."

Später, in Nashville, waren seine Nachbarn "meine Kuratoren für gute Musik" gewesen. Das waren damals neben Arbeitern großteils Schwarze, die aus ihren Autos die gemeinsame Fahrt mit Underground-Hip-Hop beschallten. "Es war einfach Musik, die ich mochte. Zunächst habe ich sie nicht selbst gekauft oder bei mir zu Hause angehört. In den letzten vier, fünf Jahren habe ich das aber gemacht. Mich fasziniert einfach die Produktionsweise von zeitgenössischem Mainstream-Hip-Hop. Ich liebe es wirklich, wie diese Platten gemacht sind. Sie sind gegenwärtig die Avantgarde, was Produktionstechniken und -zugänge angeht."

Auch dieser Enthusiasmus für technologischen Fortschritt mutet grundsätzlich erstaunlich an, denn gemeinhin waren Lambchop bisher damit nicht besonders konnotiert. Allerdings manifestierte er sich im Falle Wagners bereits im Vorjahr mit dem Elektronik-Projekt Hecta. Wagner holt zur Erläuterung weit aus: "Als ich anfing, Musik zu schreiben, benutzte ich einen Bleistift. Später eine Schreibmaschine. Bei ,Is A Woman‘ entdeckte ich die Computer-Schreibprogramme. So konnte ich mich draußen im Hinterhof mit einem Tablet hinsetzen und Musik schreiben. So geht das eben fort und fort. Technologie beeinflusst die Welt - und die Kunst."

Verdiente Nachbarn

Demgemäß zeitigt bei "Flotus" die technologiebasierte Produktionsweise ihren Impact nicht nur auf die Musik, sondern auch auf die Texte: In einigen Stücken bestehen diese aus nicht mehr als einigen scheinbar wahllos hingeworfenen Wortfetzen. "In Care Of 8675309" hat dagegen fast das Ausmaß einer Erzählung und verfolgt etwas entfernt Ähnliches wie ein Narrativ im Zeichen der Rückschau.

Darin erinnert sich Wagner auch an seine früheren Nachbarn, die sich so sehr um seine musikalische Sozialisation verdient gemacht haben. Sie sind mittlerweile, da sein Wohnviertel eine enorme Aufwertung erfahren hat, weggezogen - seine neuen Nachbarn sind "Leute mit viel Geld, zu denen ich keinen Bezug habe". Das klassische Symptom der Gentrifizierung -"eine der großen Herausforderungen an unsere Gesellschaft".





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Dokument erstellt am 2016-10-26 16:50:08
Letzte ─nderung am 2016-10-28 17:05:52




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